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N°1/2026
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Stephan Zirwes

Er ist Musiktheoretiker und Pianist, doziert an der HKB im Fachbereich Musik und forscht im Institut Interpretation. Stephan Zirwes leitet seit Anfang Februar das Projekt «Komponieren aus dem Stegreif», das der Schweizerische Nationalfonds (SNF) mit einer Summe von rund 500 000 Franken finanziert.

Stephan Zirwes ist in Rheinland-Pfalz, Deutschland, geboren. Er wuchs in einer ländlichen Gegend auf, in einem Haushalt, der zwar nicht musisch geprägt, aber dennoch kulturell interessiert war. Schon als kleiner Junge im Alter von sechs Jahren begann er mit dem Klavierspielen. Mit 15 erhielt Zirwes dann einen Klavierlehrer, der sein weiteres Fortkommen prägte. «Meinem Klavierlehrer war immer wichtig, dass es um mehr als ‹nur› das gute Klavierspielen geht, nämlich um Musik.» Besagter Lehrer war es dann auch, der ihn in die Grossstadt Köln an Konzerte mitnahm, ihm den Zugang zu anderen Sparten der Künste ermöglichte und ihm so eine neue Welt eröffnete.Dass ihn der Weg danach an die Hochschule für Musik in Karlsruhe führte, «ergab sich von allein und war klar». Nach Beginn des pianistischen Studiums wurde Zirwes aber schnell bewusst, dass er das Spektrum mit einem ergänzenden Hauptfachstudium Musiktheorie erweitern möchte, und dies auch tat. Die Ausbildung an der Hochschule Karlsruhe war stark durch den Komponisten Wolfgang Rihm und die Neue Musik beeinflusst. Deshalb verwundert es nicht, dass Zirwes nach seinem Abschluss nach Basel an die Schola Cantorum Basiliensis weiterzog, um sich ausserdem in der Theorie der Alten Musik weiterzubilden. Dies ermöglichte ihm, sich breiter aufzustellen.

Forschender Dozent und dozierende Forscher
Stephan Zirwes kam 2008 an die HKB und unterrichtet seither Musiktheorie und Gehörbildung im Bachelorstudiengang Klassik sowie in den Masterstudiengängen Music Performance und Specialized Music Performance. Auf die Frage, was er denn am Unterrichten von Studierenden besonders mag, antwortet er: «Man hat mit Menschen zu tun! (Und lacht.) Denn wenn man übt oder forscht, ist man in der Regel allein und beschäftigt sich mit Noten, Büchern und Texten.»Den Weg in die Forschung fand der damals neue Dozent rasch. «Als ich an die HKB kam, hat mich Martin Skamletz, der Leiter des Instituts Interpretation, ziemlich schnell in die Forschung geführt.» So kam es, dass Zirwes nebst seiner Dozentur in kleineren BFH-Projekten wie «Beethovens Fantasie», «Peter Cornelius als Musiktheoretiker» und «Schule der Romantik» erste Forschungserfahrungen sammelte. Von der Tätigkeit begeistert, wollte er sein Wissen vertiefen und verfolgte seinen Forschungsweg weiter, arbeitete als Doktorand im SNF-Projekt «Sine dissonantiis» mit und promovierte schliesslich an der Universität Bern mit Von Ton zu Ton: Die Ausweichung in den musiktheoretischen Schriften des 18. Jahrhunderts. Danach kam eine Postdoc-Stelle im SNF-Projekt «Integrative Listening – eine historische Perspektive der Gehörbildung».Was Zirwes in seiner Forschung wichtig ist, ist Anwendungsorientierung. Gleichermassen möchte er seine praktischen Tätigkeiten reflektieren und theoretisch aufarbeiten. Für ihn ist es essenziell, Forschung und Lehre zusammen zu denken, denn das eine bereichert das andere und entwickelt es weiter. «Noch heute profitiere ich beim Unterrichten von meiner eigenen Dissertation, die extrem praxisorientiert ausgerichtet war. Voller Überzeugung bin und bleibe ich Lehrer und Lernender bzw. Forscher in einer Person.»

«Komponieren aus dem Stegreif»
Letztes Jahr hat Stephan Zirwes nun den nächsten Schritt gewagt und sein erstes eigenes Projekt beim SNF eingereicht, das im September 2025 bewilligt wurde. Inhaltlich befasst sich das Vorhaben mit der Kunst der Improvisation in der Ausbildung von Pianist*innen, dies während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. «Ein Student aus Salzburg wandte sich an mich, da er zu diesem Thema eine Dissertation schreiben wollte und wir an der HKB als Expert*innen auf diesem Forschungsgebiet gelten. Daraufhin haben wir das Projekt gebaut.» So werden nun zwei Doktorand*innen historische Lehrbücher sowie komponierte Fantasien, Etüden und Präludien analysieren, um zu verstehen, wie technische und kreative Fähigkeiten vermittelt wurden – und wie Improvisation, Komposition und Interpretation miteinander verbunden waren. «Ich selbst werde mich stärker der Datenverarbeitung und -dokumentation widmen, die für das 19. Jahrhundert noch nicht in ausreichendem Umfang existiert.» Wenn er heute auf seinen Werdegang zurückblickt, hätte er als 20-Jähriger wohl kaum gedacht, dass er später an einer Hochschule der Künste unterrichten und forschen würde. Auf die abschliessende Frage, was er den Studierenden für das berufliche Fortkommen mit Blick auf sein eigenes raten würde, antwortet Zirwes: «Um den eigenen Weg als Künstler*in zu finden, ist es sehr wichtig, offen zu sein. Auch wenn Finanzierung und Markt das Ausüben eines künstlerischen Berufs beschränken, sollte ein*e Kunstschaffende*r immer nach Möglichkeiten suchen, die es für den eigenen Weg gibt – und je mehr reflektierende Auseinandersetzung die künstlerischen Fähigkeiten bereichert, desto grösser werden auch die beruflichen Möglichkeiten!»