Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualiseren Sie auf Edge, Chrome, Firefox.
N°1/2026
i

Lo Reichenbach

Text

Studentin Multimedia Communication & Publishing

Bachelor Sound Arts
Portugal/Schweiz
23-472-657

Sie lächelt, als ihr Gesicht im Videocall auftaucht. Die Verbindung stockt, ich verstehe sie kaum. Dann wird das Bild klar. Sie sei mit dem falschen Wi-Fi verbunden gewesen, entschuldigt sie sich. Sie trägt eine Brille, die Haare in kurzen Braids und roten Lack auf den Nägeln. Und sie ist polyglott: Während unseres Gesprächs wechseln wir zwischen Deutsch, Portugiesisch, Französisch und Englisch hin und her.

Lo Reichenbach absolviert zurzeit ihr letztes Semester des Bachelorstudiengangs Sound Arts an der HKB. Geboren ist sie in Portugal, in einem kleinen Dorf in der Nähe der pittoresken Kleinstadt Sintra, die für ihre einzigartige Architektur bekannt ist. «Ich experimentiere gerne mit verschiedenen Instrumenten und Genres», erzählt sie. Sie hat in einer Rockband Gitarre und Bass gespielt, beherrscht aber auch das Schlagzeug und die Posaune. Sie mag Jazz, klassische Musik und experimentelle Musikrichtungen. Als Kind zweier Missionare ist sie in einer Kirchengemeinschaft der Heilsarmee in Portugal aufgewachsen, wo Musik eine grosse Rolle gespielt habe. Die Instrumente seien immer bereitgestanden, gemeinsam mit ihrem Bruder habe sie sich darauf Nachmittage lang austoben können.

Vor etwa vier Jahren hat Lo begonnen, sich anders anzuziehen und konkret ihre Geschlechteridentität zu hinterfragen. Ungefähr zwei Jahre ist es nun her, seit Lo ihre Freunde gebeten hat, sie anders zu adressieren. Ihr gehe es gut. «Wahrscheinlich auch, weil ich meinen kompletten Freundeskreis gewechselt habe.» Es gebe auch heute noch Bekannte, mit denen sie nicht offen darüber sprechen kann.

Vor einigen Jahren durfte Lo ein Theaterstück der ZHdK musikalisch begleiten. So lernte sie auch Studierende der HKB kennen und kam zum ersten Mal mit der Schule in Kontakt. Sie sehnte sich nach einer Veränderung, ihr gefiel Bern und so beschloss sie, von der Romandie hierher zu ziehen und sich auf Basis ihres Portfolios für den Studiengang zu bewerben. Zurzeit arbeitet sie an einem Videospiel, das die Menschen auf spielerische Weise zum Musikmachen ermuntern und gleichzeitig lehrreich sein soll. «Eine Alternative zu Ballergames und Co.» Ich bin beeindruckt, als die 32-Jährige mir erzählt, dass sie das ganze Spiel von A bis Z produziert. Inklusive Codieren.

Die Erhöhung der Studiengebühren betrifft sie nicht, da sie sich bereits im letzten Semester befindet. «Und diese 100 Franken fühlen sich wie nichts an im Vergleich zu den ausländischen Studierenden.» Verstehen kann sie trotzdem nicht, wieso der Bund lieber in die Armee investiert, anstatt in die Bildung. Einen grossen Teil ihres Vollzeitstudiums finanzieren ihre Eltern. Nebenbei hat sie trotzdem mehrere Jobs: Sie trägt unter der Woche in aller Herrgottsfrühe Zeitungen aus und verdient sich an den Wochenenden in einer Bar etwas dazu. Angesprochen auf ihren vollen Terminkalender, relativiert Lo: Bisher geht es eigentlich. Weil sie gerade an ihrer Bachelorarbeit schreibe, habe sie sowieso nicht viel Zeit. Vielleicht gehe sie mal etwas trinken, aber ihre Freunde sehe sie zurzeit selten. Sie brauche den Schlaf dringender.