Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualiseren Sie auf Edge, Chrome, Firefox.
N°1/2026
i

Flurina Sokoll

Zum zweiten Mal HKB Alumna: 2015 absolvierte ich meinen Bachelor in Fine Arts an der HKB, 2018 den Master in Sculpture an der Slade School University College London und 2025 den Master in Contemporary Arts Practice an der HKB, dazu das PreDoc-Programm 2024/2025. Flurina Sokoll über ihr Leben als freischaffende Künstlerin.

Letzte Nacht schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Es roch intensiv nach verbranntem Toast. Ich schaute mich um. Nichts brannte, alles war ruhig. Der Gedanke aber an die Plastizität des soeben Gerochenen liess mich nicht wieder einschlafen. Woher diese Eindeutigkeit von verbranntem Toast? Wo und wann ich das letzte Mal Toast gegessen hatte, war mir ein Rätsel. Ich fragte KI: Verbranntes Brot im Traum symbolisiere eine Störung der Lebensgrundlage, verpasste Gelegenheiten, das Gefühl, ausgebrannt zu sein, oder weise auf Frustration, finanzielle Sorgen oder den Verlust von Energie und Nahrung hin. Spezifischer fragte ich nach verbranntem Toast und wurde auf die viral gegangene Burnt-Toast-Theory verwiesen. TikToker*innen erklären damit, dass ein verbrannter Toast beim Frühstück etwas Gutes sei. Die durch das Malheur resultierende ungeplante Toastverzögerung bewahre vor etwas wirklich Unangenehmem, beispielsweise einem Autounfall. Fazit: Hör auf, dich über kleine Dinge aufzuregen, über die du keine Kontrolle hast.

Keinen Toast zum Frühstück
Zum Frühstück gibt es keinen Toast. Mein fiebriger Sohn schläft, anstatt in die Schule zu gehen, ich darf zu Hause bleiben: Home­office. Die Flexibilität meines Freischaffens zahlt sich unbezahlt aus. Kein Ateliertag, kein Untergang. Keine Arbeitskolleg*innen, die einspringen müssen. Niemand merkts, wenn ich fehle. Ich mache ihm Wadenwickel, flösse ihm Orangensaft ein, danach will er weiterschlafen. Der gestrige Kunstabbau im Museum und die darauffolgende verrückte dreistündige Transportautofahrt sitzen mir ohnehin noch in den Knochen. Gut, kann auch ich es heute etwas ruhiger angehen. Ich öffne meine Mail-Inbox und überfliege die Anfrage zum Verfassen eines Textes über die Lebensrealitäten einer HKB Fine Arts Alumna.Normalerweise gibt es keine Diskussion, wer bei Krankheit der Kinder zuständig ist: Generiere ich nicht höhere und regelmässigere Einnahmen mit der Kunst, bin ich hauptsächlich Haushalts- und Familienmanagerin. Viele meiner Künstler*innen-Freunde haben nach dem Masterabschluss befristete Nebenjobs. Mein Care-Arbeit-Job ist unbefristet, unbezahlt. Ich habe noch einen zweiten Nebenjob, bezahlt auf Stundenbasis, ohne Pensionskassenabzug. Das prekäre Künstlerinnenleben als Freischaffende stelle ich monatlich auf den Prüfstand und wäge ab, einer Festanstellung als Pflegefachfrau nachzugehen, meinem Erstberuf. Heute grüble ich besser nicht darüber nach. Das Kind schläft nun neben mir auf dem Sofa, ich streichle ihm regelmässig über das Haar, lege ihm einen kühlen Waschlappen auf die Stirn, parallel arbeite ich (das meiste davon ohne Honorar): Antrag für Förderbeitrag bei Stadt und Kanton; Bewerbung Assistenzstelle Kunsthochschule; Exposé/Papers PHD Kolloquium Berlin; Treffen/Ausstellung mit Galeristen; Projektskizze Open-Call; Auftrag Metallfirma; Text «HKB-Zeitung»; Recherche Abfallkunst; Fotobearbeitung Dokumentation.

Meine Methode: taktiles Komponieren
Geplant gewesen wäre ein regulärer Ateliertag. Dort hätte ich mich anderen Dingen gewidmet. Seit ungefähr zehn Jahren arrangiere ich sinnlich mit Dingen, die ich am Strassenrand finde: Sperrmüll, Abfall, Gratis-zur-Mitnahme-Dinge, Entsorgtes, Weggeworfenes, Liegengelassenes. Meine Methode nenne ich taktiles Komponieren. Dabei entstehen skulpturale Arrangements: menschlich-nichtmenschliche Verwebungen und Vertextungen. Aktuell erarbeite ich Sorge-Tragen-Ding-Kraft-Vitrinen für eine Ausstellung, wofür ich einen Förderbeitrag von Pro Helvetia bekomme. In meiner Arbeit mit Siedlungsabfall interessiert mich die Ding-Kraft, aber auch Gefühle von Überwältigung im Umgang mit Abfall: Erschöpfungszustände, Verletzungen, Ausbeutung. Inspiriert von der Thing-Power Theory der amerikanischen Philosophin Jane Bennett (Vibrant Matter: A Political Ecology of Things, 2010) geht es mir in meiner Arbeit nicht um eine Recyclinglösung, viel eher um die Frage: «Nature Morte oder Nature Vivante?» Auch die Künstlerin Mika Rottenberg findet: «Recycling is a failed system. […] This is not a solution.» und bezieht sich dabei auf ihre lampshares (2025): pilzartige skulpturale Lampengebilde, die sie lieber vibrant matter nennt, obwohl aus Abfallplastikrecyclet (in Blythe, F.: What is recycling good for, asks Mika Rottenberg at Hauser & Wirth Menorca, 2025).

Lebendig entsorgte Dinge
Was wäre, wenn wir im Alltag nicht mehr von (recycelbarem) Siedlungsabfall sprechen würden, sondern von lebendig Entsorgtem? Im Atelier-Dialog mit den lebendig entsorgten Dingen werden auch ästhetische Aspekte und das Verständnis eines Verantwortungsbegriffs als response-ability verhandelt. Dabei geht es, wie es die Physikerin Karen Barad benennt, nicht um eine Verpflichtung, die das Subjekt wählt, sondern um eine verkörperte Beziehung, die der Intentionalität des Bewusstseins vorausgeht (On Touching – The Inhuman That Therefore I Am. 2026): «In an important sense, in a breathtakingly intimate sense, touching, sensing, is what matter does, or rather, what matter is: matter is condensations of response-ability. Touching is a matter of response. Each of ‘us’ is constituted in response-ability.»So ein unerwartet verbrannter Toast kann tatsächlich viel bewirken. Und auch wenn ich leidenschaftliche Künstlerin bin, gelingt es mir nicht immer, mich nicht ab und an aufzuregen. Einen Toast also auf die Lebensrealitäten einer Fine Arts Alumna!