Dominic Michel und Mia Sanchez
Riverside ist ein Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, der von 2015 bis 2019 in Worblaufen existierte und bis heute Aus-stellungen und Screenings an unterschiedlichen Orten entwickelt. Initiiert und organisiert wurde Riverside von Andreas Kalbermatter, Dominic Michel und Mia Sanchez, alles ehemalige HKB-Studierende. Im folgenden Gespräch, das Dominic und Mia* gegenseitig führen, sprechen sie über die Anfänge in Worblaufen, das Studium an der Fellerstrasse und ihre künstlerische Arbeit.
Dominic Michel lebt und arbeitet in Zürich und hat Bildende Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, School of Fine Arts in Athen sowie an der Hochschule der Künste Bern studiert.
Mia Sanchez lebt und arbeitet in Basel und hat Bildende Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, der HfBK Hamburg sowie an der Hochschule der Künste Bern studiert.
Mia Sanchez: Wir sind gerade auf dem Weg nach Berlin, wo wir als Riverside die Ausstellung Waltz bei Cittipunkt aufbauen, die am 27. Februar 2026 eröffnet wird. Eigentlich markiert diese Ausstellung unser zehnjähriges Bestehen. Was denkst du, inwiefern sich unsere jeweils individuelle Haltung in Bezug auf das Ausstellungsmachen und unseren Blick auf die Kunst durch die langfristige Zusammenarbeit verändert hat?
Dominic Michel: Es hat sich gezeigt, dass institutionelle oder kontextuelle Erwartungen Teil des Ausstellungssettings sind, etwa Architektur oder Budget. Man kann ihnen folgen, sie verschieben oder unterlaufen. Vielleicht ist das eine der stärksten Verschiebungen: Ausstellen nicht mehr primär als Präsentation zu verstehen, sondern als Konstruktion. Ich glaube, dass sich durch die langfristige Zusammenarbeit vor allem unser Verhältnis zu Entscheidungen verändert hat: Wann bleibt eine Erfahrung privat, wann wird sie Teil einer öffentlichen Erzählung?
MS: Persönliche Erfahrungen können bewusst oder unbewusst Teil öffentlicher Erzählungen werden, sei es zum Beispiel im direkten nachbarschaftlichen Umfeld oder in sozialen Medien. Dabei werden sie nicht nur verarbeitet, sondern erhalten Bedeutung und können eine politische Dimension annehmen. Zunächst stellt sich die Frage, wem das Recht zusteht, sich frei zu äussern, und welche Verantwortung beim Teilen solcher Geschichten besteht. Das Potenzial von Narration kann auch als Material verstanden werden, vergleichbar mit Malerei oder Architektur. Was denkst du?
DM: Mir fällt da die Gruppe Art & Language ein. Sie hat seit den späten 1960er-Jahren mit Texten, Essays und theoretischen Diskursen gearbeitet und dabei gezeigt, dass Sprache selbst zu einem Material werden kann, das sich formen lässt. Auf diese Weise wird Narration nicht nur künstlerisch gestaltet, sondern kann auch öffentlich wirken und gleichzeitig Fragen nach Verantwortung und Publikum aufwerfen.
MS: Kathryn Bigelow war ja eine der wenigen, wenn nicht die einzige Frau, die Teil dieser Gruppe war. Heute macht sie Hollywood-Produktionen und arbeitet sich durch verschiedenen Filmgenres. Ich finde das total spannend! Sie hat sich die Frage nach dem Publikum aktiv gestellt und entschieden, dass sie eine andere, in diesem Fall grössere Öffentlichkeit erreichen möchte. Damit setzt sie auch die Überlegung fort, die schon in der Konzeptkunst zentral war: Wie wird ein Medium, sei es Text, Film oder Ausstellung, zum Denkraum und nicht nur zu einem Format?
DM: Diese Frage lässt sich direkt auf Ausstellungen übertragen: Wann wird ein Ausstellungsraum zum Denkraum und nicht nur zur Präsentationsfläche? Und wie verhält sich der Raum zum Inhalt – folgt das eine dem anderen, oder entsteht der Sinn erst im Zusammenspiel von Form, Inhalt und Rezeption? Oder in unserem aktuellen Fall: Wenn wir als Riverside aus Worblaufen eingeladen werden, im Cittipunkt in Berlin unterschiedliche Künstler*innen aus ganz verschiedenen Kontexten zu zeigen, und wir drei von Riverside selbst jeweils individuelle Künstler*innen mit eigenen Positionen sind – was entsteht dann hier eigentlich für eine Verschachtelung von Öffentlichkeiten und Räumen? Und wird der Ort dadurch selbst Teil der Erzählung?
MS: Der Ort wird zu mehr als nur Kulisse, er wird zum aktiven Mitspieler. Wenn ich an Riverside zurückdenke, war das ja von Anfang an Teil des Programms: die periphere Lage, die alte Handwerksschmiede, direkt am Fluss … wir wollten einen Ort schaffen, an dem Künstler*innen wie Besuchende bewusst verweilen – einen Ort, an den man gezielt hingeht und an dem man nicht (nur) zufällig vorbeikommt. Ein wichtiger Ausgangspunkt war auch das bevorstehende Ende des Studiums, weil ein bedeutender Teil der BA Fine-Arts-Ausbildung an der HKB darin bestand, die Arbeiten anderer Künstler*innen anzuschauen und zu besprechen und eine Sprache zu entwickeln, für die eigene künstlerische Praxis, aber auch, um über Kunst zu diskutieren. Wir haben uns gewünscht, dass der Diskurs, der im Studierendenalltag beinahe selbstverständlich entsteht, weitergeführt werden kann, unabhängig von institutionellen Vorgaben.
DM: An der Fellerstrasse haben wir uns, auch über die Studiengänge hinweg, ganz zwanglos getroffen, auf dem Weg zum Vorplatz oder beim Kochen in der Küche. In Worblaufen haben wir versucht, einen Ort zu schaffen, den wir als Künstler*innen selbst gerne antreffen würden, wenn wir eingeladen würden. Und um dabei entscheiden zu können, welche Künstler*innen und Inhalte uns wichtig waren. Ich glaube, vieles haben wir auch im Prozess herausgefunden. Auch wenn sich diese Bedürfnisse jetzt rückblickend vielleicht teilweise verändert haben, gibt es sicher Momente, Materialien oder Situationen, zu denen wir immer wieder zurückkehren, ohne dass die Gründe dafür immer ganz klar sind.
MS: Woran denkst du da zum Beispiel?
DM: Ich denke an Wiederholungen, die ich als Form von Verdichtung sehe. Manche Motive drängen sich auf, weil sie ungelöst sind, ihre Funktion verweigern und vertraute Oberflächen destabilisieren. Wir sind sensibler geworden für Ambivalenz. Innerhalb meiner eigenen künstlerischen Praxis entstehen manche Arbeiten aus beiläufigen, oft akustisch ausgelösten Momenten: Nicht das Bild, sondern der Klang initiiert die Aufmerksamkeit, das Visuelle folgt reaktiv. So formen äussere Impulse Struktur bzw. Dauer, Schnitt und Abfolge der Sequenzen. Die Ordnung folgt einer Kartografie der Aufmerksamkeit zwischen Zufluss und Sog. Diese Praxis ist zugleich introspektiv: Sie verzerrt Subjektivität und Wahrnehmung. Das ist ein walzerartiges Hin und Her. Wie glaubst du, beeinflussen sich kuratorische Tätigkeit und künstlerische Praxis gegenseitig?
MS: Ich glaube auch, dass es sich ähnlich verhält wie zum Beispiel ein Tanz, bei dem sich die kollektive Arbeit und die individuelle Praxis gegenseitig führen und aufeinander reagieren. Für mich war es immer inspirierend, zu sehen und zu verstehen, wie andere Künstler*innen arbeiten. Ganz abgesehen davon, ob mich die Arbeit per se wirklich interessiert hat, war ich neugierig, wie sich ein Gedanke, eine Idee zu einer künstlerischen Arbeit entwickelt: Was sind das für Denk- oder Übersetzungsprozesse? Für meine eigene Entwicklung als Künstlerin war das ein grosser Antrieb und eine Motivation. Diese Offenheit und Neugier möchte ich mir bewahren.