ist Wissenschaftsjournalist und Kurator in Basel. Er zählt sich zu den First-Gen-Akademikern, die ohne familiäre Vorgeschichte/Vorbilder oben auf der Bildungspyramide gelandet sind und die sich nachweislich schwertun mit einer Hochschulkarriere.
Es gibt eine strukturelle Parallele zwischen Kunst und Wissenschaft, die zu offensichtlich scheint, um viel Beachtung zu erhalten: Zum Künstler, zur Wissenschaftlerin wird man, indem man eine Hochschule besucht, indem man also buchstäblich auf die höchsten Stufen der Bildungspyramide steigt. Das ist jedenfalls der offizielle, repräsentative Weg – er führt immer mehr über die Hochschulen, auch wenn es nach wie vor die berühmten Ausnahmen gibt, die letztlich nur die Regel bestätigen. Damit geht eine Auswahl einher, notgedrungen: Nicht für alle ist Platz da oben. Ist es eine Sache von Talent oder von Talenten?«Talente» waren ursprünglich eine antike Gewichtseinheit, genutzt vor allem zum Wiegen von Geld. Solche Talente haben einen guten Wechselkurs mit Privilegien. Wer an eine Hochschule darf, wird in der Folge relativ frei seinen Interessen nachgehen dürfen: forschen, hinterfragen, Obsessionen pflegen. Dieser Luxus, ob Grundlagenforschung oder Kunst, wird von der Gesellschaft mitgetragen, möglicherweise, weil sie sich dadurch Vorteile für alle erhofft, möglicherweise aber auch, weil sie sich dadurch selbst vergewissert, über das strikt Überlebensnotwendige hinausgekommen zu sein.Das Problem dabei: Privilegien konstituieren Eliten, und Eliten bleiben gern unter sich. Hochschulen funktionieren insofern nicht in erster Linie als Bildungsinstitutionen, sondern als soziale Auswahl- oder Distinktionssysteme. Wer wacht über den Zugang? Und nach welchen Kriterien? Und vor allem: Wie durchlässig ist das Gesellschaftsgewebe an der Stelle tatsächlich?Der Blick zurück offenbart eine historische Kontinuität: Die (westlichen) Hochschulen haben ihren Ursprung in feudalen Zeiten und Strukturen, es wundert also nicht weiter, dass die Auswahl der Studierenden dieses feudale System reproduzierte. Quer durch die ständische Gesellschaft, das Aufkommen des Bürgertums, die demokratischen Umwälzungen. Gerd Roellecke, Rektor der Universität Mannheim, konstatierte 1984, die deutsche Universität sei bis zum Beginn der jüngsten Hochschulreform Ende der Sechzigerjahre «eine hochfeudale Einrichtung» geblieben. «Bedenkt man den traditionellen fürstlichen Rang der deutschen Universität, so wird zunächst klar, dass sich deutsche Akademiker bis heute nicht nur zur Funktionselite rechnen, also zur Elite der Fachleute, sondern auch zur Machtelite, also zur Führungsschicht der Politiker.»Für die Schweiz mag eine Anekdote aufschlussreich sein, die sich demnächst zum 500. Mal jährt: 1527 bekam Paracelsus als Stadtarzt von Basel das Recht, an der Universität zu lehren. Er hatte allerdings keine akademische Laufbahn hinter sich und war insofern ebenso Quereinsteiger wie Querkopf. Schon für seine zweite Vorlesung wählte er Deutsch statt Latein, er lehrte also nicht für das elitäre Publikum, sondern auch für Medizinlaien, für Bader, Scherer (zuständig für Aderlässe und kleine Operationen) und Alchemisten. Dabei sollte die Sprachschranke den tieferen sozialen Schichten doch explizit den Zugang zu Bildung und Wissenschaft verwehren. Es kam, wie es kommen musste – nach kaum einem halben Jahr haben die Basler Paracelsus wieder zum Teufel gejagt.Ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich dann das heutige Elitensystem: Wem sollte in der nachfeudalen Industriegesellschaft die Führung zukommen? Aus der Zeit stammt der schöne Mythos vom sozialen Aufstieg: durch Arbeit, Bildung und Verdienst erringt man eine höhere soziale Stellung, das Leistungssystem steht allen offen. Das stimmt natürlich, im Einzelfall.Aus der statistischen Vogelperspektive allerdings sieht das ein wenig anders aus. Wer weniger gute Voraussetzungen hat, muss umso mehr Aufwand betreiben, um sein Talent zu beweisen. Und umgekehrt: Wer beste Voraussetzungen hat, braucht nicht ganz so viel Talent, um Zugang zum Privileg Hochschule zu bekommen. Während im Schnitt nur 23 Prozent der Schweizer*innen mindestens einen Elternteil mit einem Hochschulabschluss haben, steigt der Anteil beispielsweise an den Zürcher Unis auf über die Hälfte aller Studierenden an. Wie das Verhältnis wohl an der HKB aussieht?Eine Erhöhung der Studiengebühren trifft die Schwächsten – verstärkt also das Grundproblem noch weiter, dass Hochschulen ein notorisches Gleichstellungsdefizit haben. Doch man mache sich nichts vor: Egal wie «demokratisch» die Studienbedingungen sind, Hochschulen werden immer Orte für die «chosen few» sein.