Ruwen Wertmüller
Bachelor Literarisches Schreiben (Austauschsemester)
Deutschland/Schweiz
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Ruwen Wertmüller bestellt sich ein Kafi crème. Er kenne sich nicht so gut aus in der Stadt, der einzige Ort, der ihm neben dem Bahnhof bekannt sei, sei eben dieses Café. Man kann es ihm nicht übelnehmen, denn er studiert in Biel am Literaturinstitut der HKB Literarisches Schreiben und ist nur selten hier.
Er schreibt am liebsten über die Wahrnehmung der Zeit und probiert mit seinen Texten, die Realität zu spiegeln. Zuletzt habe ihn ein Zitat von Wystan Hugh Auden inspiriert: «My dear one is mine as mirrors are lonely.» Weil er auch viel über Spiegel schreibe, sei ihm das Zitat geblieben, erklärt er und nimmt einen grossen Schluck vom dampfenden Kaffee, bevor dieser kalt wird. Er stimme Auden zu. Aber Ruwen fühlt sich nicht einsam, wenn er allein ist. Er gibt sich gerne komplett dem Schreiben hin. Am besten arbeite er, wenn er nicht abgelenkt werde vom Leben, von Freunden. Deshalb hat er diesen Winter nicht so viel geschrieben, wie er gerne würde. Sein Sozialleben während des Austauschs in der Schweiz bezeichnet er liebevoll als Ablenkung. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wirkt nachdenklich.
Ruwen hatte sein Leben lang Fussball gespielt, seit er acht Jahre alt war er bei Hertha BSC, einem Fussballverein seiner Heimatstadt Berlin. Dort erlangte er auch sein Abitur an einem Sportgymnasium. Ruwen hatte einen Profivertrag und kickte auch hier in der Schweiz während fünf Jahren für die Jugendnati. Ob ihm der Sport fehle, frage ich. Zu meiner Überraschung schiesst diese Antwort regelrecht aus ihm heraus: «Nein.» Eigentlich sollte er mehr Sport machen, stellt er mahnend fest. Ob fürs Herz oder gegen das schlechte Gewissen, will ich wissen. «Definitiv gegen das schlechte Gewissen», antwortet er und kippt den letzten Schluck Kaffee hinunter. Das Guetzli rührt er nicht an. Schreiben sei auch anstrengend, scheint er sich zu rechtfertigen. Er schwitze beim Schreiben des Öfteren, man strenge sich ja sehr an.
Immer wieder hat er sich während seiner Sportkarriere verletzt, mit der Zeit habe sich das Gefühl eingeschlichen, er befinde sich in der falschen Welt. Er habe schreiben wollen, erzählt er. Deshalb hat er dem Fussball vor etwa zwei Jahren den Rücken zugekehrt und studiert seither am Literaturinstitut Leipzig. Seit sechs Monaten schreibt er an einem Text, der vielleicht später mal Teil eines Buches werden könnte. Er wäre gerne Autor. Für Romane, fürs Theater, er weiss es nicht so recht. Hauptsache, er kann schreiben. Er sagt über sich selbst, er sei sehr ehrgeizig. Er glaubt, er habe durch den Fussball gelernt, diszipliniert zu sein. Ob er mit seinem Leben jetzt glücklich sei, kann er nicht genau sagen. Er mache sich nicht so viele Gedanken darüber. Irgendetwas fehle am Schluss immer. Er glaubt, er werde glücklicher sein, wenn er ein Buch veröffentlicht hat.
Wenn Ruwen lächelt, sieht man seine Zahnlücke. Wenn er spricht, muss man genau hinhören, damit seine Stimme in der Hektik eines Gastronomiebetriebs nicht untergeht. Momentan finanziert sich Ruwen sein Studium vom Ersparten, das er während seiner Zeit als Sportler anhäufen konnte. Die Erhöhung der Studiengebühren betrifft ihn nicht. Zurück in Leipzig, müsse er sich aber einen Job suchen, sagt er. Vielleicht im Kino. Oder sonst irgendwo. Hauptsache, das Geld reiche zum Leben. «Wenn man heutzutage in die Zukunft schaut, hat man sowieso keine Ahnung, was kommt.» Er spielt damit auf die aktuelle Weltlage an, das politische Klima. Das Schreiben helfe ihm, im Jetzt zu leben. Und alles andere, so mein Eindruck, ist sowieso zweitrangig in Ruwens Leben.