Anna Böhler
Master Multimedia Communication & Publishing
Portugal/Schweiz
18-673-020
Ich habe mich bereit erklärt, ein Selbstporträt zu schreiben, ohne zu erahnen, wie viel Unbehagen diese Aufgabe in mir auslösen würde. Hier sitze ich nun vor dem Spiegel und tue mich schwer damit, die richtigen Worte zu finden. Wieso eigentlich, wenn es mir doch Spass macht, die Aura einer anderen Person in Form eines Textes einzufangen. Ich sehe ein Augenpaar, das immer dann gerade grüner zu sein scheint, wenn es mir gut geht. So zumindest behauptet es mein Vater, der meint, er könne mir den Gemütszustand von eben diesen grün-braunen Augen ablesen. Meine Augen leuchten grün, wenn ich abtauchen kann in die Welt der Worte, der Musik, der Kunst. Deshalb bin ich Journalistin geworden, ich verliere mich gerne selbst, indem ich mich mit Dingen beschäftige, die mein Verständnis bis anhin übersteigen.
Meine Berufsmaturität erlangte ich im Rahmen meiner KV-Lehre bei CH Media, als sie sich noch AZ-Medien nannte. Ich mochte es nicht, im Büro rumzusitzen, wusste aber, dass ich damit den Grundstein für meine weitere Ausbildung setzte. Danach ging es weiter mit einem Bachelor in Kommunikation in Winterthur und schliesslich landete ich in Bern, wo ich jetzt im zweiten Semester Multimedia Communication & Publishing an der HKB studiere.
Ich schreibe am liebsten über Menschen, bin gerne vor Ort mit dabei und habe während zehn Jahren als Journalistin gelernt, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit zu stellen. Gerne würde ich eines Tages selbst auswählen, worüber ich schreibe – doch die momentane Schieflage, in der sich die Medienbranche hierzulande befindet, lässt mich daran zweifeln, dass dies in einigen Jahren nicht noch unrealistischer ist.
Ich würde behaupten, ich sei Optimistin. So sehr, dass es manchmal nervt. Da ich aber in gleichem Ausmass ehrlich bin, gestehe ich: Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meines Traumberufs. Von der Erhöhung der Studiengebühren bin ich nicht direkt betroffen, da meine Eltern so grösszügig sind, diese zu stemmen. Abgesehen davon, finanziere ich mein Leben mit einem Teilzeitpensum am Newsdesk des Tages-Anzeigers, wo ich im Schichtdienst über Neuigkeiten aus aller Welt berichte. Diese lesen sich momentan wie die apokalyptische Belletristik des Schriftstellers Frank Schätzing. Es sind verrückte Zeiten, in denen wir leben. Aber das haben alle vorherigen Generationen ebenfalls über ihre Gegenwart gesagt.
Hier sitze ich also und überdenke jeden Satz fünfmal, anstatt ihn einfach aufzuschreiben, wie ich es bei jedem anderen Thema tue. Vielleicht fällt es mir leichter, andere zu beschreiben, weil ich mir der Einfachheit halber anmasse, ihr Wesen zu verstehen. Und vielleicht fehlt mir dieser Mut manchmal, wenn es darum geht, mich selbst auf eine einzige Version meines Selbst festzulegen. Aber beim erneuten Blick in den Spiegel fällt mir auf: Meine Augen mögen zwar manchmal ihre Farbe ändern – die Form aber bleibt die gleiche.