In der heutigen Zeit kann man nicht genug Kultur haben
Am Roundtable der HKB-Zeitung diskutieren Franziska Burkhardt (FB), Kulturbeauftragte der Stadt Bern, sowie Grossrat und Primarlehrer Manuel C. Widmer (MCW) bildungs- und kulturpolitische Weichenstellungen in der Stadt Bern und im Kanton Bern.
Bitte stellt euch kurz vor!
MCW: Ich bin Grossrat der Grünen des Kantons Bern. Von Beruf bin ich Primarlehrer und nebenberuflich DJ im Berner Nachtleben. Weitere Kulturberührungen hatte ich im Vorstand der Bar- und Clubkommission, im Wasserwerk und als Veranstalter auf der Kleinen Schanze und im Vorstand von bee-flat. Ausserdem befindet sich meine Schule gegenüber der HKB an der Fellerstrasse.
FB: Ich bin seit 2019 Kulturbeauftragte der Stadt Bern. Früher war ich Geschäftsleiterin des PROGR, habe für ein Filmfestival gearbeitet, beim Bundesamt für Kultur, bei Pro Helvetia. Ich habe also immer mal wieder die Seite gewechselt, mal bei der Förderung, mal bei denen, die Fördergelder brauchen.
Franziska, welchen Stellenwert haben international besetzte Projekte und ausgerichtete Positionen im kulturellen Leben der Stadt Bern?
FB: Es ist extrem gemischt. Praktisch bei allen Institutionen gibt es einen Anteil an internationalen oder schweizerischen Positionen. Das gilt auch für ein so grosses Haus wie Bühnen Bern, das internationale Künstler*innen auf die Bühne holt. Nicht nur Berner*innen prägen das Kulturleben in der Stadt Bern.
Stimmt der Mix?
FB: Das kommt ganz darauf an, von welchem Haus, welcher Sparte oder welcher Szene wir sprechen. Man kann es nicht verallgemeinern.
MCW: Bern stellt sich in allen Sparten, in denen ich Kultur konsumiere, international auf. Das können Museen sein, aber auch in der DJ-Welt probiert Bern, zumindest im umliegenden Ausland Leute zu holen oder mit Leuten von hier zu verknüpfen. Bern ist eine Drehscheibe. Als Kulturkonsument interessiert mich nicht, ob jemand studiert hat oder autodidaktisch etwas gelernt hat. Für mich ist es wichtig zu wissen, dass ein*e Künstler*in aus Island oder Kenia kommt, um den Hintergrund in das Erlebte oder Gesehene einzuordnen.
Du beschreibst eine grosse Offenheit. Ich sehe aber auch eine Bern-typische Selbstgenügsamkeit.
FB: Das schliesst sich gegenseitig nicht aus. Es ist auch eine Aufgabe der Kultur, gesetzte Normen infrage zu stellen, eben zum Beispiel einer Selbstgenügsamkeit entgegenzuwirken.
Welche Institutionen in der Stadt Bern und im Kanton Bern stehen für internationalen Austausch?
MCW: Bühnen Bern etwa: Musiker*innen, Dirigent*innen, die von aussen ins Ensemble kommen, anderseits Leute wie Claude Eichenberger, die in ganz Europa auftreten und Visitenkarten für Bern abgeben. Ein zweiter internationaler Ort: das Gurtenfestival. Es lebt davon, dass Künstler*innen aus dem Ausland kommen, weil man mit Schweizer Künstler*innen ein solches Festival gar nicht füllen kann. Aber auch kleinere Veranstaltungsorte, vom bee-flat über den ISC bis zur Dampfzentrale. Da spielen die Buchstaben in Klammern hinter dem Namen eine wichtige Rolle. Aus Frankreich, aus Dänemark – das ist ein Claim, den man hinschreibt.
FB: Auch das Schlachthaus programmiert Gastspiele und Koproduktionen mit Gruppen aus dem Ausland. Oder das Festival auawirleben. Mir fällt eigentlich gar nichts ein, wo man sagen müsste, da sieht man keine internationalen Künstler*innen.
MCW: Selbst an Jodlerfesten gibt es Truppen aus dem Ausland. Auch kleine Organisator*innen laden noch jemanden von anderswo ein, um das Ganze zu befruchten.
FB: Es gibt auch das umgekehrte Problem, wenn es heisst, das Gute kommt von aussen. Wir haben unglaublich gute Leute auf dem Platz Bern. Auch das ist Bern-typisch: ein*e Künstler*in muss erst im Ausland entdeckt werden, bis Bern merkt, dass wir hier Spitzenqualität auf der Matte haben.
«Auch das ist Bern-typisch: ein*e Künstler*in muss erst im Ausland entdeckt werden, bis Bern merkt, dass wir hier Spitzenqualität auf der Matte haben.»
Franziska Burkhardt
Kulturförderung bedient ja nicht nur Künstler*innen, sondern auch das Publikum. Was sind aus deiner Sicht die zentralen Werte der Kulturförderung? Wie stark soll die stadtbernische Kulturförderung dem lokalen Schaffen oder dem lokalen Publikum zugutekommen?
FB: Lokales Schaffen und lokales Publikum sind zwei verschiedene Dinge. Kulturförderung verfügt über öffentliches Geld, das dafür da ist, der Berner Bevölkerung ein möglichst vielseitiges und reichhaltiges Kulturangebot zur Verfügung zu stellen. Das ist unsere Hauptaufgabe, nicht die Förderung einzelner Künstler*innen. Ohne diese geht es logischerweise aber gar nicht. Möglichst vielfältig bedeutet, dass auch Nischen bedient werden. Wir fördern nicht, um die Internationalität hierherzuholen, sondern es geht um Leute, die hier leben. Alles, was wir fördern, muss einen Bezug zu Bern haben. Ein Bezug zu Bern kann sein, dass etwas in Bern stattfindet oder dass die Kulturschaffenden in Bern arbeiten.
Wenn etwas hier kreiert oder produziert wird, spielt es keine Rolle, ob es von einem*einer ausländischen Künstler*in stammt?
FB: Nein. Es muss ein Teil des hiesigen Schaffens sein und/oder vom hiesigen Publikum gesehen werden können.
MCW: Es gibt neben der Stadt noch andere Förderer. Die Burgergemeinde oder die Zünfte verlangen einen engeren Bezug zu Bern. Es ist gut, dass es verschiedene Ansätze gibt. Eine Gruppe, die bei euch nichts erhält, bekommt so vielleicht Geld von einer Zunft.
FB: Wir sprechen hier von der Gemeinde Bern, aber letztendlich fördert die Gemeinde Bern auch alles rundherum. Es gibt keine Kulturförderung in den Gemeinden Ostermundigen, Ittigen oder Bolligen. Einzig Köniz hat eine eigene Förderung.
Hat Ostermundigen kein Kulturbudget?
FB: Doch, aber nicht für das professionelle Kulturschaffen.
MCW: Ostermundigen fördert das Vereinswesen. Ostermundiger*innen kommen auch nach Bern ins Theater.
FB: Ja. Oder Künstlerin XY wohnt in Ostermundigen, weil sie dort eine günstigere Wohnung findet als in Bern, produziert aber in Bern.
MCW: Das finden die Gemeinden rundherum super, und trotzdem streichen deren Grossrät*innen den Stadtberner*innen das Geld im Zentrumslastenausgleich.
FB: Bei den Diskussionen um die Fusion von Ostermundigen und Bern kam die Frage auf, was sich bei den Kulturausgaben verändern würde. Meine Antwort war: gar nichts, weil wir heute schon das professionelle Kulturschaffen von Ostermundigen fördern.
Aktuell ist die städtische Kulturbotschaft 2028–2031 in Vorbereitung. Als Schwerpunkte werden Nachhaltigkeit und Diversität genannt, aber auch neue Bereiche sollen diskutiert werden können. Welche neuen Bereiche siehst du?
FB: Wir brauchen mehr Zeit, um die soziale Nachhaltigkeit zu verankern. Das geht nicht in vier Jahren. Ein neuer Bereich, der auf dem Tisch liegt, ist die Digitalisierung, KI. Sie beeinflusst das Kulturschaffen ebenso wie den Kulturkonsum, die Diffusion und die Rezeption. Digitalität ist ein Thema, das seit 15 Jahren in den Kulturstrategien steht, aber immer noch Ratlosigkeit auslöst.
MCW: Soziale Nachhaltigkeit ist die grosse Herausforderung. Der Grundsatz: Künstler*innen, die vollberuflich in Bern auftreten, sollen von der Kunst leben können. Lange hatten wir in der Szene kein Fairplay, Künstler*innen sind zu miesen Löhnen aufgetreten. Gleichzeitig kann die Stadt Bern nicht noch mehr Geld in die Kultur stecken. Das heisst, wenn wir Kultur in all ihren Facetten fair bezahlen wollen, und zwar nicht nur die Künstler*innen, die auftreten, sondern auch alle, die auf und neben der Bühne arbeiten, sich um Licht und Ton kümmern, im Backoffice arbeiten, müssten wir das Kulturangebot massiv herunterfahren. Das ist ein Fettnäpfchen: Konsument*innen und Bürger*innen verstehen nicht, wenn das Angebot heruntergefahren wird. Die Stadt wird extrem gut kommunizieren müssen, aber auch die Kulturveranstalter*innen.
«Soziale Nachhaltigkeit ist die grosse Herausforderung.»
Manuel C. Widmer
Heisst das, die Angebote sollten nicht noch mehr hochgefahren werden?
MCW: Nein, es müsste mehr Angebote geben. In einer Zeit, wie wir sie jetzt haben, kann man nicht genug Kultur haben.
Aber wenn zu wenig Geld da ist, dieses Angebot zu finanzieren?
MCW: Bund, Kanton und Stadt müssen Kultur so finanzieren, dass das Angebot nicht heruntergefahren werden muss. Das heisst mehr Geld hineinbuttern und klarmachen, dass Kultur halt kostet. Wer gute Kultur will, und daran glaubt, dass Künstler*innen davon leben können, muss investieren.
FB: Wir dürfen die private Kulturförderung nicht vergessen. Ein grosser Teil des kulturellen Angebots in der Stadt Bern und im Kanton Bern ist privat finanziert.
Wie sieht es in anderen Städten im Kanton aus?
MCW: In Biel sind die Anforderungen an die Finanzierung der künstlerischen Produktion höher. Allein durch die Bilingualität und ein Einzugsgebiet, welches auch den frankophonen Kulturkreis umfasst, ist Austausch noch zentraler, weil er schon generisch dadurch stattfindet, dass Leute, die nicht die gleiche Sprache sprechen, miteinander Kultur machen. Trotzdem denke ich nicht, dass sich die Auswirkungen an den verschiedenen Orten so unterschiedlich zeigen. Kultur orientiert sich selten an lokalen Gegebenheiten. Kultur entwickelt sich und gedeiht oder eben nicht. Ob ein Jazzfestival im Emmental mehr oder weniger ausländische Künstler*innen einlädt, hängt nicht davon ab, ob HKB-Studierende mehr Gebühren bezahlen müssen oder nicht. Dort wird sich das wohl kaum auswirken.
Du sprichst die Erhöhung der Studiengebühren im Kanton Bern an. Am 19. November 2025 hat der Regierungsrat entschieden, die Studiengebühren für Bildungsausländer*innen, also Studierende ohne Matura und ohne schweizerische Staatsangehörigkeit, von CHF 950 auf CHF 2550 pro Semester zu erhöhen. Wie schätzt du die Auswirkung auf die Hochschullandschaft im Kanton Bern ein?
MCW: Die Erhöhung der Studiengebühren im Kanton Bern wird einen pekuniär bedingten Ausbildungstourismus fördern. Wir haben verschiedene Hochschulen in verschiedenen Kantonen, die in Konkurrenz zueinanderstehen. Was jetzt in Bern passiert, fördert einen Braindrain in andere Kantone, die davon profitieren werden. Einerseits, weil sie den künstlerischen und den wissenschaftlichen Austausch bekommen, den wir dann nicht mehr haben, und anderseits, weil sie das Geld erhalten, welches wir von ausländischen Studierenden nicht mehr bekommen. Man erhöht ja nicht einfach nur die Studiengebühren. Es gibt Leute, die nicht mehr kommen, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Man schliesst sie also aus. Auch wirtschaftlich gesehen ist der Entscheid nicht nachvollziehbar.
FB: Ich bin im Präsidium der Städtekonferenz Kultur. Wir beobachten das Sparpaket des Bundes sehr genau. Alles, was dort im Zusammenhang mit Kultur diskutiert wird, ist auch bei uns auf dem Radar. Die Finanzierung der Kunsthochschulen gehört auch dazu. Künstlerischer Austausch ist eminent wichtig. In der Bildung darf es keine Ausschlüsse geben. Nie. Überall, wo man Austausch und gegenseitige Befruchtung und Inspirationen kappt, tritt eine Verarmung ein. Diese bildungspolitische Beschränkung betrifft auch das kulturelle Angebot der Stadt Bern, welches massgeblich geprägt ist von Leuten, die aus Hochschulen kommen, sich hier künstlerisch betätigen und ein Angebot schaffen.
«In der Bildung darf es keine Ausschlüsse geben. Nie.»
Franziska Burkhardt
MCW: In den Ratings werden Berner Hochschulen – im Vergleich zu anderen Schweizer Hochschulen – verlieren. Die Berner Hochschulen schätze ich als gute Bildungsinstitutionen mit einem guten Ruf ein. Dieser Ruf ist jetzt gefährdet. Die Mehrheit im Grossrat war sich offensichtlich nicht bewusst, was der Entscheid am Ende des Tages bedeutet, zumal der Regierungsrat die strengst mögliche Variante beschlossen hat. Er hätte auch weniger hohe Studiengebühren beschliessen können. Diese Finanzpolitik schliesst Leute aus, die in der Kultur, aber auch in anderen Bereichen eine Bereicherung sind: Austausch zwischen Leuten mit verschiedenen kulturellen Hintergründen hat in jedem Fach eine befruchtende Wirkung. Wenn ausländische Studierende nicht mehr zu uns kommen, weil sie hier so viel bezahlen müssen, hat es zur Folge, dass unsere Fachhochschulen viel weniger Geld einnehmen, welches sie dann im Unterricht nicht mehr einsetzen können. Die Politiker*innen, die das beschlossen haben, wünschen sich für die Schweiz auch in der Bildung ein Inseldasein. Noch komplizierter wird die Angelegenheit, wenn die Schweiz die Bilateralen III annimmt, weil diese ein Diskriminierungsverbot für ausländische Studierende vorsehen. Der Entscheid ist unüberlegt und für die Berner Hochschulen eine Katastrophe.
Was ist seit dem Beschluss des Regierungsrats passiert?
MCW: In der Politik ist nichts in Stein gemeisselt. Wenn Auswirkungen festgestellt werden, die man nicht wollte, können Entscheide auch gekippt oder entschärft werden. Ich habe gute Hoffnung, weil ich Leute aus ganz vielen Parteien mit offenen Mündern gesehen habe, als sie die Auswirkungen wahrnahmen. Nach den Wahlen werden die Studierendengebühren wieder Thema werden, weil ganz viele sich bewusst sind, dass es in eine gefährliche Richtung läuft.
Droht Bern zu einer bildungs- und/oder kulturpolitischen Provinz zu werden?
FB: Ich glaube nicht. Wie bereits erwähnt, ist das Studium nur ein Teil der Karriere. Dank dem Austausch, der in der Programmierung und in den Angeboten gepflegt wird, besteht diese Gefahr nicht.
MCW: Im Vergleich zu New York, Berlin, Paris und Singapur ist Bern Provinz. Wir sind kulturell ein kleiner Nadelkopf, aber ein geiler Nadelkopf. Dieser Provinznadelkopf Bern schafft es immer wieder, Internationalität für sich zu reklamieren. Diese macht das Schaffen sowohl für Künstler*innen wie auch für Konsument*innen interessant. Die Frage ist nicht, ob wir Provinz werden oder nicht, sondern welche Stränge verkümmern und welche sich halten können. Nicht alle, die Kultur machen, studieren. Solange du deine kulturelle Bildung nicht auf einem intellektuellen Weg machst, sondern es dir selber aneignest, betrifft es sie nicht. Das heisst, es betrifft eine Sparte dieses kulturellen Lebens oder einen Teil der Leute, die beteiligt sind. Wie weit bildet ihr an der HKB-Studierende auch in wirtschaftlichen Belangen aus, damit sie lernen, sich zu vermarkten, mit Geld umzugehen usw.? Wo passiert das sonst, wenn nicht bei euch?
FB: Bei uns in der Beratung, wenn sie ihr erstes Gesuch eingeben. Mega mühsam. Kulturschaffende müssten sich vermarkten und wie kleine KMU funktionieren, aber dafür haben sie kein Rüstzeug. Das fehlt in der Ausbildung wirklich.
Wirtschaftliches Denken und Knowhow haben wir an der HKB gestärkt. Die HKB hat diverse Begleittools geschaffen und in die Lehre integriert: Business Lab, Business Week, Business Skills. Die HKB führt mittlerweile einen Bachelor- und einen Masterstudiengang in Design, wo es genau darum geht, wie man eine kreative Idee umsetzen kann.
FB: Auch die Theaterschaffende braucht Kenntnisse im Budgetieren, wie auch der Musiker oder die bildende Künstlerin.
Ich höre oft, dass Kunststudierende gute Dossiers schreiben können und daher zu Geld kommen. Im Unterschied zu anderen, die das nicht hochschulmässig gelernt haben.
FB: HKB-Absolvent*innen können inhaltlich gute Dossiers schreiben, aber das nützt dir nichts, wenn du es nicht schaffst, ein sauberes Budget aufzustellen, und zum Beispiel nicht weisst, welche Richtgagen in deinem Bereich gelten. Mittlerweile, das muss ich auch sagen, haben die Dossiers inhaltlich extrem an Qualität gewonnen.