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N°2/2026
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Immer mittwochs, 20.30 Uhr

Es gibt Kunst, die kehrt wieder: zum Beispiel Raw Clowning. Johannes Dullin erklärt in seiner Performance-Reihe die Gegenwart nicht, sondern setzt sie in Serie.
Ein Besuch bei seinen Auftritten und im Atelier.

Text und Fotos

Es gibt Kunst, die sich ereignet und vergeht. Ein Abend, ein Bild, ein Auftritt, ein Satz – und schon ist alles wieder in die gewöhnliche Zeit zurückversetzt. Und dann gibt es Kunst, die sich nicht mit dem blossen Ereignis zufriedengibt. Sie kehrt wieder, legt sich über den Kalender und erscheint nicht nur im Raum, sondern im Wochenlauf. Sie will nicht einmalig sein, sondern wiederkommen – nicht um sich zu wiederholen, sondern um allmählich eine andere Form von Gegenwart herzustellen. Raw Clowning 2026 von Johannes Dullin gehört zu dieser zweiten Sorte. Die Reihe fand von Februar bis Mai 2026 in der und um die Reitschule Bern statt: zehn Abende, immer mittwochs, Beginn 20.30 Uhr, mit Abschluss in einer performativen Ausstellung in der Grossen Halle. Schon in dieser äusseren Form liegt ihr eigentliches Versprechen.Johannes Dullin, HKB-Absolvent des Masterstudiengangs Expanded Theater, Performer, Schauspieler, Komiker und Dozent an der HKB, arbeitet seit Jahren in seriellen Formaten wie DULLIN LIVE, den Albernheitsstudien und Raw Clowning. Seine Praxis bewegt sich zwischen Theater, Performance und Comedy, aber auch zwischen Text, Bild, Musik, Objekt und Improvisation. Dass Raw Clowning zehnteilig angelegt ist, ist daher keine zufällige Produktionsentscheidung: Die Serie ist hier nicht Verpackung, sondern Form des Denkens.1 Im Gespräch erzählt Dullin von frühen Museumsbesuchen mit seiner Mutter, von Fischli & Weiss, Dalí und Dürer aus Verpackungskarton. Es klingt weniger nach Bildungsgeschichte als nach früher Irritation: Kunst kann offenbar sehr vieles sein. «Mich hat immer interessiert, was Kunst sein kann.»2

Die Serie als künstlerische Zeitform
In der Kunstgeschichte ist die Serie weit mehr als eine Ansammlung ähnlicher Arbeiten. Museen und theoretische Texte beschreiben Serialität als Verfahren, in dem Bedeutung nicht nur im einzelnen Werk entsteht, sondern vor allem zwischen den Werken: durch Wiederholung, Variation, Vergleich und Verschiebung. Eine Serie ist kein identisches Nebeneinander, sondern eine Ordnung, in der Gleiches und Ungleiches einander beleuchten. Ein Motiv kehrt verändert zurück; ein Rahmen bleibt bestehen, doch innerhalb dieses Rahmens verschiebt sich die Welt. So gesehen, ist die Serie nicht das Ende der Originalität, sondern ihre Verfeinerung: Sie schärft den Blick für Differenz, wo man zunächst nur Wiederholung vermutet.3Gerade für die Gegenwartskunst ist dieses Verfahren aufschlussreich. Dort, wo die Welt in immer kürzeren Zyklen Neues produziert, kann die Serie eine Gegenbewegung sein: nicht Beschleunigung, sondern insistierende Wiederkehr; nicht der eine grosse Wurf, sondern tastendes, beharrliches Weiterarbeiten. In neueren ästhetischen Debatten gilt Serialität deshalb nicht nur als formales Prinzip, sondern als Antwort auf eine von Digitalisierung, Ökonomisierung und permanenter Gegenwart geprägte Kultur. Die Serie erlaubt es, das Neue nicht zu behaupten, sondern unter wechselnden Bedingungen hervorzubringen. Sie ist Wiederholung – aber eine Wiederholung mit Gedächtnis.4Und genau hier wird Raw Clowning interessant. Dullins Reihe funktioniert nicht wie Serial Art im engen, minimalistischen Sinn, nicht nach einem starren System und nicht durch die mechanische Reproduktion einer Form. Aber sie teilt mit seriellen Kunstverfahren einen entscheidenden Punkt: Ein Rhythmus bleibt, die Welt darin gerät jedes Mal neu aus den Fugen. Mittwoch bleibt Mittwoch. 20.30 Uhr bleibt 20.30 Uhr. Aber die Reihe beginnt nicht erst um 20.30 Uhr. Schon der Transport des Materials gehört für Dullin zur Arbeitsweise: mit Rollwagen und ÖV von Bolligen nach Bern, oft schon am Nachmittag. Interessant ist die Spannung zwischen Vorbereitung und Offenheit: Die Auswahl der Dinge steht fest, aber der Ablauf entsteht erst sehr spät, manchmal nur eine Stunde vor Beginn. Die Serie ist also nicht unvorbereitet, sondern bewusst beweglich.2

Falltüren öffnen sich
Jeder Abend trägt einen anderen Titel und öffnet eine andere Falltür: Bock auf Heilung, Krypto – Comedy, P.S. Sorry wegen dem Klima, I love Leistung, Willkommen in Brainrot County, Eiter als Terpentinersatz, Der Podcast-Release, Ein Alphadude in Alphamood, Der thematische Höhepunkt und Der Hirtenkomplex. Die Reihe wird dadurch zu einer Form des seriellen Denkens mit performativen Mitteln. Dullin spricht von einer «Staffel mit Folgen». Das klingt beiläufig, trifft aber den Kern: Raw Clowning ist nicht einfach eine lose Reihe von Abenden. Es ist eine Live-Staffel, in der jeder Abend für sich bestehen muss und zugleich auf die anderen verweist.2Dullin beschreibt seine frühen Auftritte wie DULLIN LIVE in Berlin als Situationen, in denen er «um das Überleben» gespielt habe. Die Serie bringt dabei eine besondere Spannung hervor: Es gibt einen Spielplan, aber wenig feste Vorbereitung; es entsteht jedes Mal etwas anderes. Gleichzeitig verteilt sich der Druck. Nicht ein einziger Abend muss alles leisten. Eine Staffel mit zehn Folgen bedeutet zehn Chancen, zehn Risiken, zehn Möglichkeiten, die eigene Angst produktiv zu wenden.2

Mittwoch als Methode
Besonders schön – und besonders ernst – ist an Raw Clowning die Idee, dass die Serie «Teil des Lebens» werden soll. Ein Wochenrhythmus. Immer mittwochs. Diese Idee ist klein, aber folgenreich. Denn er verschiebt die Kunst aus ihrer Sonderstellung heraus und nähert sie dem Alltag an, ohne sie zu banalisieren. Die Reihe ist dann nicht mehr nur ein Kulturereignis, das man besucht, sondern eine wiederkehrende Marke in der eigenen Woche. Etwas, das sich einschreibt. Etwas, worauf man zuläuft oder woran man sich reibt. Die Kunst erscheint nicht als Ausnahme vom Leben, sondern als Form, die sich in das Leben einmischt.2Die Serie strukturiert Kalender, Vorbereitung, Materialauswahl, Anspannung und Durchlässigkeit. Die Wiederkehr des Mittwochs macht die Arbeit zu einem Zustand: keine einzelne Premiere, sondern eine fortlaufende Taktung. «Dadurch wandert die Kunst in das Leben hinein» — zuerst in das des Künstlers, dann in das des Publikums.2Vielleicht liegt hierin die Radikalität serieller Kunst: Sie produziert nicht bloss Werke, sondern Zeitverhältnisse. Wer mehrfach kommt, tritt in ein Verhältnis zur Reihe ein und bringt Reste vom letzten Mittwoch mit: Irritationen, Vorwissen, Erwartungen, vielleicht auch Skepsis. So bildet die Serie ein eigenes Gedächtnis aus – im Publikum, im Raum, in der Aufführung selbst. Dass Dullin seit Jahren eine Improvisationspraxis unter dem Titel Banalität und Tiefe unterrichtet, passt dazu: Schweizer Verfassung und Kaugummi, Mystik und Alltag, Gott und Brennnesseln können auf derselben Achse erscheinen. Das Banale wird nicht kleingemacht, das Tiefe nicht angebetet. Beides kann Material werden.2

Zehn Titel, jeder eine Versuchsanordnung
Die Titel von Raw Clowning sind keine Etiketten, sondern Reizwörter, Einladungen, Zündsätze. Sie haben etwas von Auslösern: Kaum ausgesprochen, gerät die Ordnung ins Rutschen. Besonders sichtbar wird das dort, wo die Reihe aktuelle Reizthemen nicht argumentativ sortiert, sondern in prekäre körperliche Zustände überführt. Dullin spricht im Atelier von Spielkarten. Nicht nur die lauten Karten seien wichtig, sondern gerade die subtilen. So gesehen, sind die Titel weniger Überschriften als Spielzüge: Man legt sie aus und wartet, welche Wirklichkeit darauf reagiert.2In P.S. Sorry wegen dem Klima wird das Publikum auf den Vorplatz der Reitschule geführt, um dort einer Blume «sorry» zu sagen; am Ende erhält jede Person ein kleines, von Hand gemaltes Blumenbild. In Eiter als Terpentinersatz wird zunächst, wie mit einem Bildungsauftrag ausgestattet, erklärt, was Eiter ist und wie er entsteht, bevor Wissen in Bewegung, Tanz und Hutdekor übergeht. Im Podcast-Release wird auf das Wort «…» gewartet, Flöte gespielt, und Dullin fragt ins Publikum, ob irgendwer hier Flöte spielen könne. Solche Abende wären für sich genommen leicht als absurde Einzelgesten lesbar. In der Serie jedoch beginnen sie, sich gegenseitig zu kommentieren.Eine Serie schafft einen Erinnerungsraum: Sie gibt dem Flüchtigen ein Gedächtnis. Das Blumenbild des Klimaabends bleibt darin ebenso erhalten wie Nebelmaschine, Hirtenfigur, Body-Fluid-Didaktik oder das Warten auf ein Wort, das vielleicht nie kommt. Serien wirken nicht linear, sondern in Echos: Motive wandern, Bedeutungen verschieben sich, frühere Szenen leuchten später neu auf. So wird das einzelne Ereignis grösser als sein Abend; es bleibt als Spur, Rest und nachträgliche Erschütterung erhalten. Für die Performance, deren Wesen im Verschwinden liegt, ist das entscheidend: Die Serie widerspricht der Flüchtigkeit nicht, aber sie entreisst ihr Bedeutung. Diese Logik der Überlagerung führt direkt in Dullins Gegenwartsbild. KI und Nebelmaschine liegen bei ihm nah beieinander: immer mehr Nebel, Apps und Schichten. Eine Welt, die sich nicht klärt, sondern sich verdichtet. Darin erscheint die Clownfigur als fragile Figur zwischen Orientierung und Kontrollverlust. Entscheidend sei, so Dullin, «nicht die Figur selbst, sondern der Akt» — Clowning als Balanceversuch in einer kaum noch überblickbaren Gegenwart.2

Serie als Wiederbegegnung
Ein wiederkehrendes Element von Raw Clowning ist die Offenheit des Live-Moments: die Begegnung mit Publikum, Raum und allem, was sich an einem Mittwochabend nicht planen lässt. Weil die Reihe seriell angelegt ist, wird diese Offenheit nicht zum einmaligen Effekt, sondern zur wiederkehrenden Versuchsanordnung. Jeder Abend setzt neu an, aber nie bei null. Wer wiederkommt, bringt Erinnerung mit – an frühere Titel, Stimmungen, Irritationen, an missglückte oder geglückte Momente. So entsteht über die Abende hinweg ein Verhältnis, das weder Vertrautheit noch Sicherheit garantiert, sondern eine eigene Form von Aufmerksamkeit. Auch das Verhalten des Publikums wurde Teil dieser seriellen Erfahrung. Die Einladung zur Beteiligung stand im Raum, doch die Reaktionen blieben oft verhalten, tastend, uneindeutig. Gerade darin zeigte sich eine Qualität der Reihe: Sie machte sichtbar, dass Serie nicht Wiederholung von Zustimmung bedeutet, sondern Wiederkehr unter wechselnden Bedingungen. Die Resonanz musste nicht jedes Mal gross sein, um wirksam zu werden. Auch Zögern, Schweigen oder Zurückhaltung wurden in der Abfolge lesbar und bekamen von Abend zu Abend Kontur. Dullin reagierte darauf nicht defensiv, sondern nahm die Spannung in sein Spiel auf. So wurde die Serie zu einem Raum, in dem nicht Einverständnis produziert wurde, sondern eine wiederholte, gemeinsame Gegenwart. Das Publikum ist dabei nicht einfach Adressat, sondern atmosphärisches Material: Es kann tragen, blockieren, verdichten, verzögern.2Vielleicht liegt genau darin eine wesentliche Stärke der Serie in der Kunst. Sie erlaubt es, dass Beziehungen nicht sofort aufgehen müssen. Sie gibt Wiederbegegnungen Zeit. Wer ein zweites oder drittes Mal kommt, sieht nicht einfach einen weiteren Abend, sondern nimmt an einer fortlaufenden Konstellation teil. Das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum wird dadurch nicht glatter, sondern dichter. Eine Serie schafft keine geschlossene Gemeinschaft, aber sie erzeugt Erinnerung, Reibung und Wiedererkennung. Sie hält Differenzen aus – und genau darin liegt ihre ästhetische und vielleicht auch soziale Kraft. Vielleicht ist Raw Clowning auch als eine Art Parcours im Gehirn zu verstehen. Dullin nennt die künstlerische Arbeit Der Lauf der Dinge von Fischli & Weiss als prägend: ein Denken in Kettenreaktionen, Übergängen, Auslösern. Auch seine Serie öffnet neue Räume, stellt Falltüren auf und prüft, was passiert, wenn Dinge ins Rollen geraten.2

Vom Abend zur Ausstellung
Folgerichtig endete Raw Clowning 2026 nicht mit dem letzten Mittwoch, sondern mit einer zweitägigen performativen Ausstellung in der Grossen Halle. Unter dem Titel Die Alchemie der Weirdness flossen die visuellen, klanglichen und performativen Elemente der Reihe zusammen. Damit wechselte die Serie den Aggregatzustand: Aus der Abfolge von Abenden wurde ein Raum, aus Episoden ein lesbares Archiv, aus Bühnenresten eine neue Form der Präsenz. Auch das entspricht einer Einsicht serieller Kunst: Eine Serie ist nicht einfach «fertig», wenn sie abgeschlossen scheint. Sie hinterlässt Ordnungen, Spuren, Überlagerungen — und setzt ihre eigene Nachgeschichte in Gang.Für eine künstlerische Praxis wie jene von Johannes Dullin, der Bühne, Objekte, Kostüme, Masken, Video, Musik und Grafik als zusammenhängende Welt denkt und weitgehend selbst verantwortet, ist diese Öffnung in den Raum konsequent. Die Serie wird zum Gefäss eines Gesamtkunstwerks, das nicht in einem Abend aufgeht. Sie macht sichtbar, dass künstlerische Arbeit nicht nur im singulären Werk geschieht, sondern ebenso in der Reihung, im Dazwischen, im Wiederkommen. Zugleich verstand Dullin die Ausstellung nicht bloss als Archiv: Sie zeigte auch Neues. Musik, Grafik, Malerei, Objekte und Artefakte trafen aufeinander. So wurde die Ausstellung nicht zur Dokumentation vergangener Abende, sondern zu einem neuen Aggregatzustand der Serie – grotesk, rauschhaft, delirierend.2Eine neue Staffel müsste für Dullin offenbar nicht grösser werden, sondern genauer. Die Ausstellung war aufwendig; vielleicht genügt künftig ein Tisch mit Artefakten, sagt er. Die Reitschule bleibt der richtige Ort, gerade weil das Format nicht sauber passt: zu viel Comedy fürs Theater, zu viel Performance und bildende Kunst für Comedy.2

Sommer als Zäsur
Im Sommer kann man besonders gut über Serien nachdenken. Der Sommer liebt die Zäsur, das Innehalten, die Ruhe und die Rückschau. Man blättert zurück, erinnert sich an jene Mittwoche, an die Titel, die wie kleine Störungen im Kalender standen. Und man merkt: Eine Reihe wie Raw Clowning hat nicht einfach zehn Abende hervorgebracht. Sie hat eine Zeitform gebaut. Eine Kunst, die sich nicht in ihrer Einmaligkeit erschöpft, sondern wiederkehrt, sich verändert, sich dem Leben zumutet. Vielleicht braucht die Kunst genau deshalb Serien: weil manche Fragen nicht auf einen Abend passen. Weil Gegenwart nicht in einer einzigen Form verdaut werden kann. Weil Erkenntnis manchmal nicht als Schlag kommt, sondern als Rhythmus. Mittwoch für Mittwoch.Johannes Dullin beschäftigt sich derzeit mit Mystik, KI, Hildegard von Bingen, Heilung, Ernährung und Überangebot. KI erscheint nicht nur als Werkzeug, sondern als halluzinierender Wissensraum. Das Internet enthält alle Informationen, aber keine lebendige Erfahrung. Seine Idee der «Kompostmoderne» beschreibt die Gegenwart als Haufen: überinformiert, hochexplosiv, gärend. Vielleicht entstehen daraus neue Landschaften, vielleicht auch nur neue Halluzinationen.2

Johannes Dullin ist für den Performancepreis Schweiz 2026 am 15. November 2026 in Baden nominiert.