Wen würden die Gilmore Girls wählen?
Die HKB-Forscher Arno Görgen und Eugen Pfister zeigen am Beispiel von Gilmore Girls, wie die vermeintliche Wohlfühlserie Fragen von weiblicher Selbstbestimmung, sozialer Klasse und politischer Haltung verhandelt – und warum Stars Hollow heute wie eine märchenhafte Gegenwelt zu den polarisierten USA erscheint.
Durchschnittlich 3 bis 5 Millionen Amerikaner*innen schauten von 2000 bis 2007 wöchentlich die TV-Serie Gilmore Girls auf dem amerikanischen Fernsehsender The CW. Durch Wiederholungen und weltweite Übersetzungen wuchs die Zahl noch mehr. So spielen die Gilmore Girls eine grosse Rolle in der Sozialisierung von Millionen Frauen und Männern – Grund genug, die Serie etwas genauer auf ihre politischen Inhalte abzuklopfen.Gilmore Girls ist eine Wohlfühlserie. In ihr tauchen wir ein in die wunderliche Welt von Stars Hollow, einem kleinen, fiktiven Städtchen in Connecticut. In jeder Folge verfolgen wir die kleinen und grossen Geschichten um die namensgebenden Lorelai Gilmore und ihre Tochter Rory. Lorelai stammt aus einer reichen, quasi-aristokratischen Familie. Als 16-Jährige schwanger mit Rory, entscheidet sie sich dazu, nicht den Vater des Kindes zu heiraten. Um den sozialen Zwängen der Oberschicht zu entkommen, beginnt sie in Stars Hollow als Dienstmädchen in einem Hotel ein neues Leben. Die Serie setzt 16 Jahre später ein. Lorelai leitet mittlerweile das Hotel und Rory ist nun eine Teenagerin und plant, an der Harvard University zu studieren.
Soziale Mobilität
Mit der selbstbestimmten, zugleich immer lustigen Karrierefrau Lorelai sowie der intellektuellen, aber stets empathischen Rory fanden Zuschauerinnen die Vorbilder, die sie bisher im Fernsehen vermisst hatten. Gilmore Girls erscheint so als progressive Serie über Autonomie und soziale Mobilität, in der weibliche Selbstbestimmung als individuelle Entscheidung, aber auch als neoliberale Erfolgsgeschichte erzählt wird.Vor allem Rorys Unabhängigkeit ist an familiäre und männliche Unterstützung gekoppelt. Um Rorys Privatschule und später auch den Besuch von Yale (Rory entscheidet sich schliesslich gegen Harvard) bezahlen zu können, muss auf das kulturelle und finanzielle Kapital der erzkonservativen Eltern bzw. Grosseltern Richard und Emily zurückgegriffen werden. Insbesondere Rory ist in ihrer Emanzipation von männlicher Herrschaft ambivalent. Zwar erarbeitet sie sich ihre Erfolge in Schule und Universität selbst, in ihren Beziehungen zu Männern ebenso wie zu ihren Grosseltern lässt sie sich aber rasch in Abhängigkeitsverhältnisse fallen.Eng im Zusammenhang mit Genderkonstruktionen steht in Gilmore Girls das Verständnis von sozialer Klasse. Auf der einen Seite steht die privilegierte, aristokratische US-amerikanische Oberschicht, die nicht nur eigenen strengen sozialen Regeln und Normen folgt, sondern sich auch selbst als legitimierte Elite konstituiert, wenn sie beispielsweise Genealogien bis hin zu den Gründervätern der Vereinigten Staaten ins Zentrum ihrer Freizeitaktivitäten stellt. Die Ergebnisse der Arbeit ihrer Angestellten sieht Emily als ihre eigenen Erfolge an. Sie wird wie selbstverständlich für die Mahlzeiten gelobt, die ihr Hauspersonal kocht. Sie behandelt ihre Hausmädchen schlecht und wechselt diese – als Running Gag inszeniert – in jeder Folge aus.
Solidarisch, aber nicht progressiv
Auf der anderen Seite steht die klassenlose Utopie von Stars Hollow. Lorelai und die Bürger*innen des Städtchens haben sich ihre Erfolge selbst erarbeitet. Gemeinschaftlich wird die Stadt in Public Meetings organisiert. Man achtet einander trotz aller individuellen Eigenheiten oder politischen Meinungen. Armut gibt es nicht, und als der Stadtsonderling Kirk doch einmal obdachlos ist, wird auch das Problem gemeinschaftlich gelöst. Man ist solidarisch, aber nicht progressiv. Man hilft einander bedingungslos, bleibt Fremden gegenüber aber skeptisch, versinnbildlicht im Kampf gegen einen neuen Stadttroubadour.Insofern wird die Frage, wen denn die Gilmore Girls bzw. die Einwohner*innen von Stars Hollow wählen, interessant. Denn grundsätzlich entspricht dieses Verhalten – innerhalb ihrer sozialen Netzwerke solidarisch, nach aussen abweisend – mehr dem republikanischen als dem demokratischen politischen Handeln. Tendenziell schmückt in Stars Hollow also eher ein Elefant als ein Esel den Pavillon auf dem Stadtplatz. Zugleich ist die Serie ein Sinnbild gesellschaftlicher Versöhnlichkeit und mit Blick auf die heutigen, ideologisch zerrissenen USA eine fast schon surreale Märchenlandschaft.