Leo Dick
Leo Dick forscht im Institut Interpretation und koordiniert das Feld «Schnittstellen der zeitgenössischen Musik». Daneben doziert er im Masterstudiengang Composition and Creative Practice des Fachbereichs Musik. Als Opernregisseur und Komponist stellt er auch eigene Produktionen auf die Beine. Sein jüngstes Projekt ist die Community Opera Codeword: Spider, die als Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater Biel JTB vom SNF gefördert und vom 16. bis 20. September aufgeführt wird.
Leo Dick ist Komponist und Opernregisseur. Woher das Interesse dafür kam? «Schon als Kind habe ich komponiert», antwortet Dick. «Ich wollte Orgel spielen. Da meine Beine aber zu kurz für die Orgelpedale waren, habe ich bis zum Alter von 16 Jahren auf das Klavierspielen ausweichen müssen.» Auslöser dazu, ein Instrument zu lernen, sei aber nicht das Instrument, sondern die Faszination für geschriebene Noten gewesen. «Mein Grossvater war ein begeisterter Hobby-Pianist und Opern-Fan. Klavierauszüge aus seinem Besitz lagen später bei meinen Eltern zuhause herum. Diese haben mich schon als kleiner Junge so fasziniert, dass ich sie nachzeichnete und sozusagen grafisch zu komponieren begann. Ich wollte ein Instrument lernen, um die Musik spielen zu können.»Sein Klavierunterricht sei toll gewesen, Strukturen zur musikalischen Jugendförderung waren aber wenig entwickelt. So musste Leo Dick seinen Weg in die künstlerische Praxis anders finden: mit Anfang zwanzig, mit einem Studienplatz in Komposition an der Universität der Künste in Berlin. Er wollte damals raus aus Basel, raus aus der Schweiz – raus in die grosse weite Welt. So liess er das Studium in Germanistik und Theaterwissenschaft an der Universität Basel nach bestandenem Vorlizentiat hinter sich und schlug den Weg einer stärker praxisorientierten und künstlerischen Ausbildung ein.
Schweiz–Berlin retour
Acht Jahre blieb Leo Dick in Berlin. Acht tolle Jahre in der Stadt, die «Liebe auf den ersten Blick» war. «In den 1990er-Jahren, nach dem Mauerfall, war die Zeit in Berlin sehr aufregend. Alles war möglich.» So hängte er dem Studium der Komposition ein zweites der Opernregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler an. Veränderte Lebensumstände waren es jedoch, die ihn nach den Studienabschlüssen in die Schweiz zurückführten. In Bern schrieb er sich für sein drittes Studium im damals neu lancierten Studiengang Théâtre Musical des Fachbereichs Musik an der HKB ein. Im Jahr 2009 übernahm er dann die Assistenz bei Angela Bürger Körfer, die in eine spätere Dozentur mündete. Und als ihn Martin Skamletz, der Leiter des Instituts Interpretation, an einem Infotag für die Forschung begeistern konnte, startete er bald darauf seine Mitarbeit im BFH-Projekt Stiefkind des Gesangs. Auf dieses BFH-Projekt folgten, bis heute, sechs vom SNF finanzierte Projekte in unterschiedlichen Gefässen.
Forschung zum zeitgenössischen Musiktheater
Leo Dick kam zu einer Zeit an die HKB, in der sich die Hochschule im Wandel befand und neue Strukturen auch neue Möglichkeiten für ihn schufen. Einerseits war er in der Lehre tätig, andererseits schrieb er seine Dissertation Sprechauftritt im Composed Theatre als einer der ersten Abgänger der damaligen Graduate School of the Arts, dem gemeinsamen Doktoratsprogramm der Universität Bern und der HKB, heute Studies in the Arts SINTA genannt. Und bewarb sich auch mit seinem Projekt performing speech beim SNF um ein Doc.mobility-Stipendium, das ihm ein Forschungsjahr in München und Berlin ermöglichte.Anschliessend vertiefte er in weiteren vier SNF-Projekten seine wissenschaftlich-künstlerische Forschung im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters: Als Postdoc arbeitete er im Projekt über Othmar Schoeck mit und «dekontaminierte» dessen Oper Das Schloss Dürande, die im Stadttheater Bern aufgeführt-wurde. Danach konzipierte er im Gefäss Ambizione Opera mediatrix, und untersuchte avanciertes Musiktheater und kollektive Identitätsbildung in der Schweiz seit 1945. Heute leitet er das Projekt Postdigital Musicking, in dem eine Doktorandin mitarbeitet, sowie das Agora-Vermittlungsprojekt Codeword Black Spider.
Mit Die schwarze Spinne zur «Community Opera»
Mit Codeword: Spider arbeitet Leo Dick nun an einer Community Opera, einem Projekt mit dem JTB und dessen Leiterin, Isabelle Freymond. Erzählt wird Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf. «Das Neue an dieser Mehrgenerationenproduktion ist, dass sie gemeinsam von rund 40 Laien sowie Professionellen über einen langen Probenzeitraum hinweg entwickelt und anschliessend in der Zwingli-Kirche in Bözingen aufgeführt wird, die sonst als Probenraum für das Orchester Biel wie auch als Quartierzentrum fungiert. Die in unserer jahrelangen Forschung gewonnenen Erkenntnisse fliessen direkt in die Produktion mit ein und diese baut darauf auf. Zudem werden wir den ganzen Prozess und die Aufführungen mit dem eigenen Live-Radio RaBözi begleiten.» Für Leo Dick war für dieses Projekt von Anfang an klar, «dass sich Forschung zum Musiktheater am besten durch die Kreation eines eigenen Musiktheaterstücks vermitteln lässt.» Worauf er sich mit Blick auf die Aufführungen am meisten freue? «Auf die Verdichtung im Endprobenprozess. Die Arbeit mit Laien und Profis ist unterschiedlich; bei Laien tut sich gerade auf den letzten Metern enorm viel, Profis sind da berechenbarer. Der Prozess ist in diesem Projekt auf jeden Fall ebenso wichtig wie das Endresultat. Daraus werden sich neue Erkenntnisse und Fragen für Lehre und Forschung ergeben.»