Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualiseren Sie auf Edge, Chrome, Firefox.
N°2/2026
i

Lonelygirl15 – eine Kunstform

Das Internet hat sich von einem Vernetzungstool zu einer von Algorithmen geprägten Plattform serieller Inhalte entwickelt. Am Beispiel Lonelygirl15 wird deutlich, wie schwer Authentizität und Inszenierung online zu unterscheiden sind.

Text

Was als im CERN entwickeltes Tool begann, welches Forscher*innen weltweit half, sich zu vernetzen und Informationen auszutauschen, hat sich zu einer unüberschaubaren und unkontrollierbaren Vernetzung entwickelt, die den Alltag von uns allen beeinflusst – dem Internet. Auch dieses ist geprägt von wiederkehrenden Motiven und seriellen Erscheinungen. Spätestens seit den immer klüger werdenden Algorithmen ist dieser Mechanismus so ausgeklügelt, dass er unsere Vorlieben und Interaktionen so genau erkennt, dass er uns eine perfekt kuratierte Serie von Posts und Videos präsentiert.

Schon in den ersten Blogs taucht dieses Prinzip auf. Eine oder mehrere Personen veröffentlichten auf diesen meist sehr private Updates aus ihren Leben, seien dies politische Meinungen oder Erzählungen aus dem Alltag. Ein intimer Zugang, bei dem die meisten Leser*innen nicht wegschauen können oder möchten. So haben Menschen doch von Natur aus eine voyeuristische Veranlagung, ein Verlangen, zu beobachten und Verbotenes in Erfahrung zu bringen. Mit dem 2005 gegründeten Videoportal YouTube öffneten sich neue Möglichkeiten dieses «Miterlebens». Nicht nur mitlesen konnte man, auf einmal auch zuschauen. Video-Blogs, kurzgenannt Vlogs, dominierten die Plattform in kürzester Zeit. Das Angebot passte sich der riesigen Nachfrage an.

Bäuchlings auf dem Bett
Natürlich dauerte es nicht lange, bis aus dem Phänomen Vlogs Profit geschlagen wurde. Im Jahr 2006 wurden auf dem Kanal Lonelygirl15 die ersten Videos hochgeladen. Die Jugendliche Bree teilte in diesen, wie so viele andere auch, ihr Leben mit Fremden im Internet. Sie selbst und ihre Videos erregten schnell Aufmerksamkeit. Sie schaffte es sogar, mit ihrem Kanal als Erste auf YouTube 50’000 Abonnent*innen zu akkumulieren. Ihre Videos waren allesamt aus ihrem Schlafzimmer gefilmt, auf dem sie oft bäuchlings auf ihrem Bett lag und der Kamera von ihrem Tag erzählte.

Mit dem immer grösser werdenden Interesse an Bree regten sich auch Misstrauen und Skepsis über die Authentizität ihrer Videos. Zu «geskriptet» seien sie, Bree selbst wirke manchmal höchst unnatürlich. Einige selbsternannte Internetdetektive trackten ihre IP-Adresse und fanden somit heraus, dass diese zu einer Agentur für Schauspieler*innen führte. Ein Skandal – dies schien zu bestätigen, dass es sich bei der ganzen Sache um einen Schwindel handelte. Am 7. September 2006 dann, wurde ein Post auf dem Kanal von Lonelygirl15 hochgeladen, signiert von den Creators der Serie, in dem offiziell bestätigt wurde, dass hinter den scheinbar aufrichtigen Videos einer Sechzehnjährigen eine ganze Filmcrew, Drehbuchautor*innen und Schauspieler*innen steckten.

Den Post beendeten sie mit dem Statement, dass «hiermit eine neue Kunstform geboren wurde». Nach der anfänglichen Furore der Zuschauer*innen explodierten die Klicks auf ihren Videos und erreichten im nächsten Jahr ihren Höhepunkt. Insgesamt 547 Videos wurden auf dem Kanal hochgeladen, bevor die Öffentlichkeit ihr Interesse daran wieder verlor und ihre Aufmerksamkeit etwas anderem schenkte.

Nun, fast 20 Jahre später, ist der Hunger nach solchen Vlogs nur noch gestiegen. Wie viele solcher Videos es insgesamt gibt, ist unmöglich zu sagen. Jeden Tag wird Videomaterial von über 500’000 Stunden auf YouTube hochgeladen, von denen die Mehrheit nach wie vor selbstgedrehte Videos sind, die den Alltag von durchschnittlichen Menschen zeigen. Wahrheit von inszenierter Realität zu unterscheiden, ist währenddessen nahezu unmöglich geworden. Die wagemutige Behauptung der Creators von Lonelygirl15 scheint somit bestätigt.