100 Jahre alt werden
Die Serie Entspannte Frauen: In der Wiederholung von Motiven sucht die Serientäterin und Künstlerin Isabelle Krieg nach der Verbildlichung von Unendlichkeit.
Bei unserem Besuch in ihrem Atelier in Kreuzlingen betreten wir einen ureigenen Kosmos. Zu Ketten zusammengefügte Eier, aus Keramik geformte liegende Frauen und aus Schaumstoff gefertigte Brüste ergeben ein sonderbares Sammelsurium. Krieg serviert «Iced Coffee» und Wassermelone und entschuldigt sich für die Hitze, die in ihrem Atelier herrsche. Der grosszügige Raum mit den hohen Fenstern befindet sich in einer ehemaligen Schuhfabrik aus der Jahrhundertwende und dem Sitz der Tour de Suisse. Isabelle Krieg hat sich hier niedergelassen, weil ihr Partner eine Stelle an der Uni Konstanz erhielt.Die Mutter zweier Kinder wurde 1971 in Freiburg geboren. In ihren Zwanzigern schuftete sie auf einer Alp in den Walliser Bergen und war Greenpeace-Aktivistin. 1990 sprangen sie und ihre Mitstreiter*innen mit Transparenten zwischen Autos am Automobilsalon hervor. Als es, notabene verursacht durch grobe Zivilpolizisten, Sachschaden gab, wollten die Verantwortlichen alles auf die Jugendlichen schieben. «Wir hatten einen Anwalt und wurden unschuldig gesprochen», so Krieg. Vom katholisch geprägten Elternhaus lösten sich sie und ihre Schwester früh. «Kirchen mag ich immer noch als Orte der Stille», so die Künstlerin. Dass das Symbol des Christentums einen gefolterten Menschen darstellt, findet sie hingegen bis heute befremdlich.In ihrer Serie Entspannte Frauen kehrt die Künstlerin das Motiv um. Aus Keramik hat sie teils nach Modellen aus dem eigenen Freundeskreis liegende, tiefenentspannte Frauen modelliert. Sie wirken, als würden sie sich im Wasser treiben lassen. Auch in mehrheitlich blauen Aquarellen hat sie Frauen, denen es gut zu gehen scheint, festgehalten. «Würden entspannte Frauen regieren, ginge es allen gut. Auch den Männern», so Krieg. Die momentane Weltlage sei, kurz zusammengefasst, das Resultat von Patriarchat und Turbokapitalismus.
In Kaffee gemalt
Um ihre Serien zu entwickeln, brauche sie viel Zeit. «Ich möchte 100 Jahre alt werden, denn ich bin langsam», so die Künstlerin. Als Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann man ihre Langzeitprojekte verstehen. «Am 18. August werde ich 20’000 Tage alt.» Jeden Tag notiert sie die Zahl an einem ständig wachsenden kegelförmigen Turm. Es ist, als möchte sie Zeit sichtbar machen. Während einer von ihr entwickelten Performance malt die Künstlerin alle gelebten Tage als Striche an die Wand und erzählt dabei aus ihrem Leben, wobei sie alle 1000 Tage ein kleines Gläschen Wodka trinkt. Die Performancekunst hatte sie an der damaligen Schule für Gestaltung Luzern für sich entdeckt. Zuvor hatte sie sich spontan für den Zirkus entschieden, obwohl sie bereits die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs der Kunstgewerbeschule geschafft hatte, und besuchte auch die Scuola Dimitri. An der Hochschule in Luzern machte sie schliesslich ein Grundstudium für Visuelle Kommunikation. 1999 führte sie ein Atelierstipendium des Kantons Freiburg nach Berlin. Hier entschied sie sich definitiv für die bildende Kunst. Sie habe schliesslich begriffen, dass sie lieber ihre Werke statt ihren Körper auf eine Bühne stelle.Für ihre Serien schöpft sie oft aus dem Alltag. Eine Arbeit aus dem Jahr 2003 hatte einen besonderen Auslöser. Der Ausbruch des Irakkrieges machte sie wütend und sie stellte ohnmächtig fest, dass sie diesen Konflikt als Zeitungsmeldung zum Kaffee «konsumierte», genau wie alle anderen Nachrichten auch. Da begann sie, in Kaffeetassen mit Kaffee zu malen, Porträts der Leader dieser Welt, aber auch unbekannte Menschen, die in der Zeitung abgebildet waren.
Die Curryweltwurst
Wenn sie die Tassen ausstellt, sieht es aus, als hätte jemand den Abwasch vergessen. Erst beim Näherherantreten sieht man die verschiedenen Gesichter. Ähnlich genau muss man schauen, um in der 2009 geschaffenen Serie Curryweltwurst, eine 100-teilige Benefiz-Edition zugunsten des Substituts Berlin, die Welt zu entdecken. Auf einem beschichteten Pappteller hat die Künstlerin mit Curryketchup, wie es bei der berühmten Currywurst serviert wird, die Weltkarte gemalt. Dieses Motiv hat sie mehrfach auch an Orten angebracht, wo die Weltkarten dem Verschwinden ausgesetzt waren. «Ich habe die Formen der Weltkarte zwischen Flecken auf Hauswänden oder Böden gemischt», so die Künstlerin. Sie konnten nur zufällig entdeckt werden. Direkt und explosiv wirkt ihre Installation Hair Cocktails: Frauenhaar ragt aus Flaschen, die dadurch an Molotowcocktails erinnern. Die Zweckentfremdung von Objekten ist eine ihrer Strategien – etwa, wenn sie eine Küchenschürze mit einer gebrauchten Priesterstola kombiniert. Wut treibt sie an, wenn es um Frauenrechte oder die Endlichkeit unseres Planeten geht. Die von der Mobiliar angekaufte Installation Wie viele Erden (2020) besteht aus einer Kette von Globen, von denen nur einer leuchtet. Krieg schafft starke Sinnbilder. Auch Der laufende Blumenstrauss, ein work in progress seit 2019, macht Wandel sichtbar: Jede Woche ergänzt sie frische Blumen, entfernt Verwelktes und fotografiert den Strauss. Die Blumen spiegeln Jahreszeiten und zunehmend den Klimawandel.«Blumen sind für mich nie harmlos, sondern wichtige, zarte, starke, Freude schenkende Alltagsbegleiterinnen», sagt sie. Das Sammeln von Dingen liegt ihr: Schwemmhölzer, Brotrinden oder Eierschalen werden zu Objekten und Ketten. Aus Straussen-, Hühner-, Gänse- und Enteneiern hat sie «Eierstöcke» geschaffen – Skulpturen, die an Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) erinnern. Absurd-humorvolle Anklänge, wie sie auch Dadaismus und Surrealismus prägten, blitzen in Kriegs Werk immer wieder auf.