Pierina Walther
Mit Sorgfalt, Geschick und Spürsinn restauriert Pierina Walther historische Papierarbeiten. In ihrer Bachelorarbeit untersuchte sie, wie beschädigte Kartonentwürfe konserviert und für die Zukunft gesichert werden können – und verbindet dabei naturwissenschaftliche Präzision mit ihrer Leidenschaft für Kulturgut.
Im Atelier für Konservierung und Restaurierung herrscht Ordnung. Eine grosse verpackte Rolle liegt auf einem Tisch. Darin befindet sich eine Skizze des Kirchenmalers Franz Vettiger (1846-1917). Die Studierenden im Bereich Konservierung und Restaurierung haben ein Konvolut aus dem Staatsarchiv St. Gallen erhalten, um sich mit dem bisher suboptimal gelagerten Papierschatz auseinanderzusetzen. Pierina Walther, im letzten Jahr ihres Bachelorstudiums, hat ein Konzept geschrieben, wie man diese Kartons restaurieren und lagern könnte.«Die Papierarbeiten wurden nach dem Tod des Künstlers in einem Estrich mit hoher Luftfeuchtigkeit gelagert», so Walther. Sie hat schliesslich drei Entwürfe ausgewählt und plangelegt und sich dabei eingehend mit den technischen Aspekten beschäftigt. Auch der Kontext spielt eine wichtige Rolle, um Papierarbeiten sachgemäss zu bearbeiten. Ein Entwurf sei wohl für eine Wölbung als Wandmalerei gedacht gewesen, so Walther. Es handelt sich um den heiligen Tobias, der auf einem zwickelförmigen Träger von Vettiger entworfen wurde. Walther ist für ihr Studium von Chur, wo sie 2001 geboren wurde, nach Bern umgezogen. Sie liebt an ihrer Arbeit, dass sie sich an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Wissenschaft befindet. Sie sei eher zufällig auf diesen Studiengang gestossen. Zuerst absolvierte sie eine Lehre als Zeichnerin im Ingenieurbau und anschliessend die Berufsmatura im Bereich Gesundheit. «Hierbei entdeckte ich meine Neigung zu den Naturwissenschaften», so Walther. Die Ergänzungsprüfung Passerelle erlaubte es ihr schliesslich auch an einer Universität zu studieren. Sie entdeckte das Angebot der HKB.Das Studium, insbesondere die praktischen Aufgaben im Atelier, erfordern Geduld. Walther hat unter anderem ein Pastell der Berner Malerin Marguerite Frey-Surbek (1886-1981), das eine Dame mit blauem Schal zeigt, von Schimmel befreit. «Man muss sehr vorsichtig sein, weil ein pulvriges Pigment verwendet wurde», so Walther. Es gelte den Schimmel zu entfernen, nicht aber das Pigment. Für diese Präzisionsarbeit brauchte sie ein Mikroskop und eine Vakuum-Pinzette – Schwamm oder Pinsel wären zu grob dafür. Im Grundstudium hatte sie viel Chemieunterricht gehabt. Im Papier suche man beispielsweise nach Lignin, das sauer sei und Zellulose spalte, wobei das Papier vergilbe oder brüchig werde.Ihren Master möchte Walther im Bereich Kunsttechnologie machen. «Ich kann mir vorstellen, mich weiterhin mit Kartons zu beschäftigen.» Die Skizze von Vettiger für eine Skulptur des Heiligen Antonius hat sie genauer untersucht. Zuerst gelte es die Zeichenmittel zu identifizieren. Die mikroskopische Untersuchung habe ergeben, dass es sich um Kohle handle. «Der Künstler hat die Kohle verwischt, um Struktur zu kreieren», so Walther. Wie eine Detektivin hat sie auch Randnotizen, die Signatur und die hinzugefügte Inventarnummer des Staatsarchivs St. Gallen analysiert. Schliesslich müssen Schäden und Wellungen des Papiers festgestellt werden.
Fixierungsmittel Paraloid B-72
In ihrer ersten Semesterarbeit befasste sich Walther mit Fixierungsmitteln. Dabei hat sie zwei Stoffe, Cyclododecan und Paraloid B-72 kombiniert und dabei die Vorteile der beiden Fixierungsmittel in der Kombination genutzt, wobei die Nachteile sich gegenseitig ausgleichen sollten. Paraloid B-72 schütze das Papier besser, sei aber kaum reversibel. Heute arbeitet man in der Restaurierung meistens mit Minimaleingriffen. Einer Papierseite dürfe man ihr Alter ansehen, so Walther. Während eines Praktikums in der tschechischen Nationalbibliothek, die Zeitungsausgaben ab 1918 digitalisierte, beschäftigte sie sich intensiv mit Papier. Die Ausgaben dieser Prager Zeitung wurden zu einem Buch zusammengebunden. «Ich musste den Zustand kontrollieren und Schäden beheben, etwa Falten ausbügeln.» Am einfachsten funktioniere das, indem man das Papier wässere und Schäden – Fehlstellen und Risse – mit Japanpapier überklebe und das Papier anschliessend gepresst trocknen lässt.Ihr kommendes Semester will Walther im Ausland verbringen. Sie wird in Göteborg an der Universität studieren. «Ich werde mich vertieft mit Wandmalerei beschäftigen, vor allem auf theoretischer Ebene.» In welchen Feldern kann man nach dem Studium arbeiten? «Viele machen sich selbständig, aber ich möchte gerne in einer Institution oder in der Forschung arbeiten.» Einzelne Massnahmen unternehme man oft im Alleingang, doch man stehe auch im Austausch mit anderen Expert*innen.
Wie finanziert sie das Studium?
Während ihrer Semesterferien hat Walther einen Job aus dem Bereich Fotografie ergattert. Sie reinigt Fotoplatten. Auch bei einem Job für die Art Basel war ihr Fachwissen von Nutzen. Für die Transportfirma Haas konnte sie Kunstwerke während der so genannten Frachttagen in die Hallen bringen. Sie selbst hat keine Vorlieben für einzelne Kunstwerke oder Epochen. Es gehe eher um das Gefühl, das ein Werk in ihr auslöse. «Stark beeindruckt haben mich etwa die Wandmalereien in einer christlich-orthodoxen Kirche in Tallinn. Ein Goldrausch.»