Die Peripherie der Typografie
Urs Lehni unterhält sich mit Selina Bernet und Lynn Birrer über das Symposium Fonts.wtf, das sie im Oktober an der Fellerstrasse 11 in Bümpliz organisieren. Am Abend desselben Tages wird vor Ort zudem die Ausstellung Die 100 besten Plakate eröffnet.
Was passiert am 28. Oktober 2026 an der Fellerstrasse?
Lynn Birrer: An diesem Mittwochabend wird die Ausstellung Die 100 besten Plakate eröffnet, die bereits zum fünften Mal in Bümpliz gastiert. Dazu gibt es eine Vernissage und wie auch in den vergangenen Jahren ein Symposium, das Selina und ich zusammen organisieren. Das Oberthema für 2026 lautet Typedesign. Dabei interessieren uns vor allem die Randbereiche dieser Disziplin.
Selina Bernet: Es gibt an der HKB bereits den Typo Club mit seinen After-Work-Lectures, bei denen Typedesigner*innen ihre Arbeit in Bern vorstellen. Uns schwebt jedoch vor, eher die Peripherie des Bereichs zu beleuchten, also stärker auf Rahmenbedingungen zu schauen und weniger auf ästhetische Entscheidungen. In den Vorträgen wird es um finanzielle Aspekte gehen, Recherchemethoden werden aufgezeigt und philosophische Fragen gestellt. Wir möchten möglichst wenig Portfolioschau und dafür umso mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Gebiet des Typedesigns.
Und steht bereits fest, wer die Speaker*innen sein werden? Falls ja, könntet ihr sie bitte kurz vorstellen?
LB: Klar, wir haben drei Speaker*innen eingeladen: Sophie Wietlisbach, Radim Peško und Vanessa Olt. Sophie ist eine Alumna des BA Viskom, die nach ihrem Bachelor in Bern an der ÉCAL in Lausanne einen Master in Type Design absolvierte. Letztes Jahr hat sie ihr Forschungsprojekt Impact Type beim Triest-Verlag veröffentlicht und damit soeben den Swiss Design Award gewonnen. Sophie entwickelt für den Studiengang Viskom eine Custom-Schrift und wird über Customisation sprechen. Gerade im Bereich Corporate Identity dient die Individualisierung einer Schrift oft als Alleinstellungsmerkmal und zur Abgrenzung von ähnlichen Schriften. Sophie wird uns ihren Prozess näherbringen – gerade für Studierende soll das oft abstrakte Gebiet des Typedesigns dadurch greifbarer und direkt erfahrbar werden.Radim Peško stammt ursprünglich aus Prag, studierte in den Niederlanden an der Werkplaats Typografie und arbeitet seit vielen Jahren in London. Er unterrichtet an der ÉCAL sowie an der ISIA Urbino und vertreibt seine Schriften unter eigenem Namen auf radimpesko.com. Radim bringt sowohl als Schriftgestalter wie auch als Dozent langjährige Erfahrung mit. Darüber hinaus forscht er in diesem Bereich, etwa in der Studie Beyond Bezier, einer Untersuchung zu Zeichenmethoden im Schriftdesign. Auf die Interviewfrage, weshalb es überhaupt noch neue Schriften brauche, antwortete Radim: «Ich betrachte Schrift als Schnittstelle zwischen Sprache und Technologie. Beide sind Teil unserer Kultur und unterliegen dem ständigen Wandel und der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Als Reaktion darauf werden neue Schriftarten entwickelt.» Wir hoffen, dass er den Studierenden seine spannende und teils philosophische Herangehensweise an das Typedesign näherbringen kann.
SB: Und Vanessa Olt ist eine in Berlin ansässige Unternehmensberaterin. Sie kommt aus der Betriebswirtschaft, arbeitet heute aber vor allem mit etablierten Designstudios zusammen. So hat sie etwa für Dinamo Typefaces ein spezifisches Lizenzierungsmodell für deren Schriftkatalog entwickelt. Grob gesagt, bezahlen kleinere Firmen dabei weniger für Schriftlizenzen als Grosskonzerne. In Vanessas Vortrag wird es also um die finanzielle Seite kreativer Arbeit gehen. Für das Publikum wird es spannend sein, mehr über diese Facette einer gestalterischen Disziplin zu erfahren und zu lernen, welche Modelle und Strategien hier zum Einsatz kommen können.
Apropos Publikum: An wen richtet sich das Symposium?
SB: Wir gehen davon aus, dass vor allem Studierende im Publikum sitzen werden. Wir hoffen aber natürlich auch, dass aus der Region Bern einige Interessierte den Weg zu uns finden. Der Anlass ist öffentlich und findet rein physisch statt – es wird keine Online-Übertragung geben. Da direkt im Anschluss die Ausstellung Die 100 besten Plakate eröffnet wird, hoffen wir auf ein volles Haus.
LB: Zusammenfassend kann man sagen, dass wir das Programm rund um Fragen zusammengestellt haben, die uns selbst interessieren. Dabei hatten wir immer auch die Perspektive der Studierenden im Kopf und denken, dass sie einen lebendigen Einblick in verschiedene Praxen rund um Schriftgestaltung erhalten werden.
100 besten PlakateDie Ausstellung Die 100 besten Plakate gilt als wichtiger Gradmesser für zeitgenössisches Grafikdesign im deutschsprachigen Raum. Jährlich kürt der gleichnamige Verein herausragende Plakatgestaltung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der renommierte Wettbewerb bündelt die visuelle Kraft von Designbüros, Agenturen und Studierenden. Die Wanderausstellung präsentiert das Plakat als lebendiges Medium an der Schnittstelle von Kunst und Information. Zu sehen ist eine enorme Bandbreite: von minimalistischer Typografie über experimentelle Layouts bis hin zu politischen Statements. Da alle Werke gleichberechtigt nebeneinanderstehen, bietet die Schau einen unvoreingenommenen Blick auf aktuelle ästhetische Trends und zeigt, wie sich visuelle Kommunikation wandelt.