Serie für Kunstsüchtige mit Skandal-Wiederholungszwang
Der Autor ist Kunsthistoriker aus Kassel und schrieb unter anderem: «Schneewittchen und der kopflose Kurator. Der Reiseführer für documenta-Besucher, Romantiker und Horrorfans», Köln 2017.
Im Sommer 2027 ist es endlich wieder so weit: Eine neue Staffel der documenta beginnt! Seit bald achtzig Jahren hält diese Serie Kunstsüchtige aus aller Welt in Atem. Fast jede Folge endet mit einem Skandal-Cliffhanger, sodass man einfach weiterschauen muss!
Allerdings ist es eine Serie mit immer neuen Charakteren, und das macht sie in gewisser Weise anspruchsvoll. Während der Ort der Handlung stets durch die Stadt Kassel definiert wird, wechselt das Personal, vor allem in den Hauptrollen, in jeder Folge.
Die erste Staffel 1955 bis 1968 markierte buchstäblich die Nachkriegszeit: Das Publikum sollte nach der Nazizeit wieder an moderne, progressive und abstrakte Kunst gewöhnt werden. Das Kernanliegen bestand in einer volkspädagogischen Mission. Einerseits wurde moderne Kunst als kulturelle Umerziehungsmassnahme für vormalige NS-Reichsbürger*innen eingesetzt, andererseits zur Bekräftigung der Westbindung der Bundesrepublik, wobei amerikanische Kunst bei der documenta immer wichtiger wurde. In der letzten Folge von Staffel eins krachte amerikanische Popart dann mit der antiamerikanischen 1968er-Bewegung zusammen.
Die zweite Staffel 1972 bis 1997 war von gegenläufigen Tendenzen geprägt: Politisierung und Entpolitisierung der Kunst, Ausdehnung des Kunstbegriffs und museale Verengung. Kunst für alle und Alles ist Kunst waren implizit die Mottos der beiden ersten Ausgaben. Der Schweizer Chefkurator Harald Szeemann erfand den «erweiterten Kunstbegriff» und Aktionskünstler Joseph Beuys predigte 100 Tage lang am Stück sein Mantra «Jeder ist ein Künstler». Die documenta-Leiter Rudi Fuchs und Jan Hoet steuerten mit eher politikfernen Ausstellungen dagegen, während Catherine David am Schluss noch einmal einen linken französischen Intellektuellenakzent setzte.
Die dritte Staffel 2002 bis 2012 spiegelte die Globalisierung in der Kunstwelt wider. Die documenta wurde zur tatsächlichen Weltkunstausstellung. Nebenschauplätze gab es unter anderem in Spanien, Nigeria und Afghanistan. Das documenta-Motto Migration der Form spielte 2007 mit der Assoziation an die Flüchtlingsströme in aller Welt.
In der vierten Staffel 2017 bis 2022 wurde es wieder arg politisch: Eurokrise, Schuldenkrise, Antiimperialismus und Antisemitismus sorgten für Wirbel. Während die Ausstellung des Basler Kurators Adam Szymczyk ebenfalls mit einem Schuldenberg endete, löste die documenta des indonesischen Künstlerkollektivs Ruangrupa eine lautstarke Kontroverse über antisemitische Kunstwerke und künstlerische Freiheit aus, die sogar Stimmen hervorbrachte, die das definitive Ende der Serie documenta forderten.
Zum Glück kam es dazu nicht, und nun startet die fünfte Staffel.Was bringt Folge eins, die unter amerikanischer Regie läuft? Wird die Kunst wieder wichtiger? Wird die documenta wieder seriöser? Oder lauert 2027 schon der nächste Skandal in Kassel? Bleiben Sie dran!