Spielregeln in Ökonomien der Kunst
Limited Editions reagieren in Kunst und Wirtschaft durch bewusste Verknappung auf das Bedürfnis nach Exklusivität und ermöglichen zugleich Handel, Sammlung und Erhalt von Werken. Das Beispiel von Anri Salas Videoarbeit Intervista (Finding the Words), 1998, zeigt, wie Auflagenwerke, Verträge und Dokumentationen die Verbreitung, Präsentation und Bewahrung zeitbasierter Medienkunst langfristig sichern.
Limited Editions sind in vielen Branchen beliebt – etwa bei Schuhen, Brillen, Uhren oder saisonalen Lebensmitteln. Sie greifen in Produktionsketten ein, die sonst auf Massenkonsum und hohe Stückzahlen ausgerichtet sind. Durch gezielte Verknappung und passende Kommunikation entsteht Exklusivität: Sie spricht Menschen in ihrem Bedürfnis an, sich abzuheben und zugleich Zugehörigkeit zu zeigen. Ob eine Limited Edition langfristig erfolgreich ist, hängt von Zeitpunkt, Vertrieb und Lagerung ab – und lässt sich nur begrenzt planen.In der Kunst stehen Limited Editions als Auflagenwerke zwischen Unikaten und Serien. Meist entstehen sie in enger Zusammenarbeit mit Künstler*innen und ihren Studios. Verkauft werden sie über Museen, Kunsthallen, Galerien, Kunstmessen oder zusammen mit Kunstzeitschriften wie Parkett. Auflagenwerke können aus sehr unterschiedlichen Materialien und Medien bestehen – von Papier und Bronze über 3D-Druck-Filamente bis zu Videos und digitalen Daten. In der Kunst haben sie sich seit der Renaissance parallel zu neuen Reproduktionstechniken etabliert. Um limitierte Stückzahlen zu sichern und urheberrechtlich zu schützen, entstanden eigene Zeichen und Dokumente.Mit den Épreuves d’artiste (e.p.), Artist Proofs (a.p.) wurde eine Kategorie von Hors commerce-Exemplaren eingeführt, über deren Verbreitung allein die Kunstschaffenden entscheiden. Diese Massnahmen klären Autor*innenschaft, sichern Qualität und kalibrieren den Wert von Kunst. Zugleich ermöglichen Limited Editions, Sammler*innen, Museumsverantwortliche und interessierte Privatpersonen anzusprechen und langfristige Beziehungen aufzubauen. Insbesondere im Bereich zeitbasierter Medienkunst können Auflagenwerke eine Rolle bei der Pflege, Erhaltung, Ausstellung und Archivierung übernehmen.
Ausgangspunkt: stumme Filmrolle
Wie sich Kunst-, Film- und Kinoinfrastrukturen dabei unterscheiden und ergänzen, zeigt sich exemplarisch an Anri Salas Single-Channel-Video Intervista (Finding the Words), 1998. «I arrived in Paris in ’96, and I started working on Intervista in ’97 and completed it in the spring of ’98, presenting it as my diploma piece at École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs ENSAD.» Ausgangspunkt war eine stumme Filmrolle mit Sequenzen historischen Filmmaterials, auf denen seine Mutter an einem Kongress der kommunistischen Partei Albaniens 1977 zu sehen ist. Sala fand sie zwanzig Jahre später bei der Auflösung seiner Wohnung in Tirana. Den durch den Fund ausgelösten Prozess beschreibt Sala als eine «edifying experience»: «Close to an emancipatory process, that shaped my own relation to history and the political changes that were taking place in my own country and beyond.» Als Student der Videoklasse verbrachte er viel Zeit in Kinos und Filmbibliotheken und lernte Cineasten wie Luc Barnier und Liria Bégéja kennen. Für Intervista entwickelte er in Zeichnungen mit handschriftlichen Kommentaren in albanischer Sprache ein Storyboard. Acht Zeichnungen wurden für die Sammlung der Kunstmuseen Krefeld angekauft.1 Vor der finalen Fassung plante Sala den Schnitt sorgfältig mit einem plan de montage. Mithilfe von Schüler*innen einer Schule für Taubstumme in Tirana liess er die Worte und Aussagen rekonstruieren, bevor er seine Mutter in ihrer Wohnung filmte. Aus dem gemeinsamen Betrachten und Befragen der beiden Quellen entsteht ein Gespräch über Syntax und Worte, das in Reflexionen über die damalige Gegenwart übergeht.1998 regelte Sala mit der Hochschule die Urheber*innenrechte und schloss einen ersten Vertriebsvertrag mit Ideale Audience in Paris. Intervista (Finding the Words) wurde 1998/1999 auf mehreren Festivals gezeigt und ausgezeichnet.2 Es war eine der ersten filmisch angelegten Videoarbeiten, die im Juli 1999 im Millenium, dem ersten Kino, das nach dem Zusammenbruch des Regimes in Tirana eröffnet wurde, vorgeführt wurden. Im Kunstkontext wurde Intervista in der von Edi Muka kuratierten Ausstellung Albania Today. Time of Ironic Modernism ab Juni während der Venedig Biennale 1999 und ab Oktober des gleichen Jahres in der Ausstellung After the Wall. Art and Culture in Post-Communist Europe (16.10.1999–16.1.2000) im Moderna Museet in Stockholm gezeigt.
Im musealen Kontext
Durch die Präsentation im musealen Kontext wurde es notwendig, konkrete Installationsanweisungen zu Raum, Zugang und Bodenbelag zu definieren und festzulegen. «When screening the film, Anri aimed to preserve the format of a propaganda film as of 80s–90s: a communal audience watching together in a cinema setting. It was important to Anri that the screening instructions of Intervista enabled him to emphasize the collective experience of viewing in a dedicated space (exhibition room or theater) where people gather to watch as a group.»2 Während Sala mit Intervista international an Bekanntheit gewann, setzte er sein Studium an der Kunstschule Le Fresnoy in Tourcoing, der kurz zuvor gegründeten singulären Institution für Lehre, Produktion und Distribution audiovisueller Medien, fort. Nach Abschluss im Jahr 2000 veranlasste Sala eine Retro-Accession der Rechte von der ENSAD und liess Intervista im Verzeichnis der Société civile des auteurs multimédia (SCAM) eintragen.
Galerien und Studio
Der bereits bestehende Vertrag mit Idéale Audience wurde aktualisiert und um Angaben zur Anzahl einer ersten Série limitée von 6 DVDs + 4 a.p. und zu einer Anzahl von 220 VHS für Projektionen und Screenings erweitert. Darin wurde ausserdem festgehalten, die Erträge aus Verwertungsrechten gleichmässig zu verteilen. Sala liess jeweils einen Artist Proof der ENSAD und dem Central State Film Archive in Tirana zukommen. Kurze Zeit später wurde die Aufgabe, Exemplare der Limited Edition zu verkaufen und Anfragen für Screenings in Einzel- und Gruppenausstellungen zu bearbeiten, neu verteilt. Seither vertreten die beiden Galerien Chantal Crousel in Paris und Marian Goodman in New York Sala im globalen Kunsthandel, in Zusammenarbeit mit dem Studio Anri Sala. Aus dieser Konstellation heraus wurde Intervista (Finding the Words) in den Folgejahren von öffentlichen Sammlungen wie dem Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, dem Dallas Museum of Art und der Pinakothek der Moderne in München sowie von Privatsammlungen angekauft. Meist ging dem Ankauf eine Präsentation der Arbeit in einer Ausstellung der jeweiligen Institution voraus.In der langfristigen Pflege und Erhaltung von Intervista (Finding the Words) als time-based media artwork sind Limited Editions sensible und zugleich relevante Referenzwerte. Sie sind Speicher zentraler Informationen, technischer Angaben und Wissens. In ihnen sind Kriterien festgehalten, um die Screeningbedingungen bei Vorbereitung und Umsetzung einer Installation in geteilten Verantwortlichkeiten so anzupassen, dass sie der künstlerischen Intention ebenso entsprechen wie dem künstlerischen Anspruch an die Qualität von Erfahrung in Raum und Zeit für Rezipient*innen bis in die atmosphärischen Details. Die Dokumentation der jeweils gefundenen Lösungen ist Teil der Werkgeschichte im übergreifenden Kontext: Arbeit an einer auf die Zukunft ausgerichteten Archivbildung.