Wenn die Erstellung billig ist, wird Aufmerksamkeit zum Monopol
KI drückt die Grenzkosten für die Produktion von Musik, Bildern und Videos gegen null. Deshalb verlagert sich der Wettbewerbsvorteil von der Erstellung zur Auffindbarkeit. Die Eintrittsbarrieren sinken, die Barrieren für Aufmerksamkeit steigen.
Forschungsprofessor am Institut Digital Technology Management der BFH Wirtschaft
Asymmetrie definiert die neue Plattformökonomie der Künste. Das ist das Ergebnis einer Flut: Millionen von tauglichen Songs, Porträts und Clips kommen auf den Markt. Praktisch jede*r ist in der Lage, mit einer simplen Texteingabe digitale Artefakte zu kreieren, die heute kaum von traditionell Erstelltem zu unterscheiden sind.
Echte Qualität und Kunst verschwindet dabei nicht, sondern geht in der «Gut genug»-Welle unter. In einem Markt, in dem das Angebot explodiert, während die Aufmerksamkeit der Menschen begrenzt bleibt, wandert die Wertschöpfung stromaufwärts zu den Gatekeepern der Aufmerksamkeit: Plattformen, die bewerten, empfehlen, kuratieren und monetarisieren.Ihre Algorithmen, die auf Engagement und Massentauglichkeit abgestimmt sind, bevorzugen Etabliertheit, Viralität und Werbeeinnahmen gegenüber künstlerischem Wert. Tatsächlich sozialisiert KI die Produktion, und Plattformen privatisieren die jetzt noch knappere Ressource: Aufmerksamkeit.
Für Künstler*innen im digitalen Raum bedeutet dies einen enormen Druck. Die Einnahmen polarisieren sich auf wenige Superstars und einen grossen Longtail, der fast nichts verdient. Die Kosten für die Aufmerksamkeit – wie Branding, Werbung und unermüdliche Selbstvermarktung – steigen, während kreative Arbeit durch synthetische Ersatzprodukte überlagert wird. Die ohnehin schon fragile kulturelle Mittelschicht wird einem enormen Wettbewerbsdruck ausgesetzt und wird sich noch schwer über Wasser halten können. Jene Künstler*innen stecken daher in einer doppelten Misere: Ihre Werke werden als weitgehend unvergütetes Trainingsmaterial für KI-Modelle genutzt, deren Outputs anschliessend genau die Märkte überfluten und entwerten, von denen sie leben.
KI hat die Ausbeutung in der Kunst nicht erfunden, aber sie beschleunigt sie, indem sie die Produktionskosten senkt und gleichzeitig die Macht der Plattformen festigt. Wenn wir wollen, dass der Überfluss der Kultur dient und sie nicht nur kommerzialisiert, müssen wir nicht nur die Produktion, sondern auch die Sichtbarkeit demokratisieren und Künstler*innen für das Training der KI adäquat kompensieren.