Was bleibt an Inhalt übrig? Eine Sprachkritik zur KI-Policy der Berner Fachhochschule
«Der Fortschritt ist wie ein neu entdecktes Land: ein blühendes Kolonial-System an der Küste, das Innere noch Wildniss, Steppe, Prairie.» 1
Um dieses Innere zu erkunden (Johann Nestroy), hilft es, ein Regelwerk an die Hand zu bekommen. Im Falle der Berner Fachhochschule ist das eine siebenseitige Policy – inklusive Fussnoten und Glossar –, die sich wie AGB liest. Sperrig. Redundant. Verschachtelt.
Die Sprache baut auf Tech-Terminologien, Anglizismen und Substantivierungen auf: «Interoperabilität, Governance- undCompliance-Strukturen, Product Owner, Limitationen». Ergänzt wird sie mit Wiederholungen wie «ethisch fundierten», «ethisch reflektierten», «ethisch vertretbaren», «ethische […] Kompetenzen», «ethische […] Herausforderungen», «ethische Reflexion», «ethische Aspekte», um nur ein paar Beispiele zu nennen. Es entstehen Sätze, die sich über drei, vier Zeilen ergiessen. Am Ende eines Satzes angekommen, scheint die jeweilige Kernaussage in den Wortzwischenräumen verloren gegangen zu sein: «Sie setzen sich mit den Potenzialen und Grenzen dieser Tools auseinander, stärken dadurch ihre digitalen Kompetenzen im Hinblick auf berufsfeldbezogene Anforderungen und reflektieren die ethischen und wissenschaftlichen Implikationen des KI-Einsatzes.»Die Tonalität – um im Sprech der Policy zu bleiben – wirkt wie aus dem Dunstkreis der Start-up-Szene: «innovativ, dynamisch, transformativ, Effizienz, Ressourcenoptimierung». Vom Umgang mit Zweifeln und Risiken keine Spur. Lediglich in der Sparte «Verantwortlichkeiten und Rollen» räumt die Policy ein, dass KI-Tools zu Ungenauigkeiten, Verzerrungen und schädlichen Inhalten führen können. Deshalb sei auch menschliches Fachwissen und Urteilsvermögen unabdingbar.
Halbwissen und Optimismus
Kersten Roth, Professor für Linguistik an der Universität Magdeburg, sagte in einem Beitrag im «Deutschlandfunk» aus dem Jahr 2021, dass Sprache in nahezu allen Fällen eine bestimmte Wirklichkeit, eine bestimmte Perspektive auf die Wirklichkeit schaffe. Bezogen auf die Policy trifft dies insofern zu, dass in der bedacht absichernden Sprechhaltung der öffentliche Diskurs in Sachen KI widergespiegelt wird: Halbwissen, Verunsicherung, Optimismus und Nüchternheit.
Die reservierte Haltung steht jedoch dem Ziel im Weg, eine Grundlage zu schaffen. Für eine allgemeinverbindliche Regelung benötigt es ein Fundament mit gleichem Begriffsverständnis. Statt auf Verklausulierungen zu setzen, wäre es wünschenswert, zu klären, was beispielsweise unter einem «ethisch fundierten Umgang mit KI-Technologien» zu verstehen ist. Oder wie «ethisch reflektiertes Handeln» definiert wird, ohne dabei auf weiterführende Dokumente verwiesen zu werden, die textlich ähnlich beschaffen sind und sich über zig Seiten erstrecken.
Kontrolle vorgaukeln
Stattdessen schafft die KI-Policy mit ihrer Wortwahl neue Unklarheiten, wo vorher schon nichts geklärt war. Beim Lesen stellt sich eine gewisse Überforderung ein. Wenn ich nicht weiss, wo ich anfangen soll, halte ich mich gerne an Zahlen und Statistiken fest. Ich gaukle mir Kontrolle vor. Die Regenwahrscheinlichkeit für Zürich liegt heute laut Meteo News beispielsweise bei 90%. Rückt eine Deadline näher, beginne ich, meine Wohnung von meinem Zimmer aus zu kartografieren: sechs Schritte bis zum Bad, zwölf bis zum Kühlschrank. Ich ertappe mich dabei, dass ich auch die Policy der BFH auf diese Weise handhabe. Ich zähle jene Begriffe, die mir wegen ihrer Häufigkeit in Erinnerung geblieben sind: neunzehnmal der Begriff «Ethik / ethisch». Sechzehnmal «Verantwortung, verantwortlich». Zehnmal «Reflexion / reflektiert». Weitere zehnmal «Integrität». Und achtmal «Transparenz / transparent».Das Problem ist, dass sich so auch keine Sicherheit herstellen lässt. Die Worte bleiben unverständlich, während es draussen tatsächlich zu regnen beginnt. Mit jeder Wortwiederholung aber nutzen sich die Begriffe weiter ab, bis sie schliesslich die Gewichtung einer Konjunktion wie «und» – in der Policy hundertfünfundsiebzigmal vertreten – erhalten: Mittel zum Zweck.«Ueberhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel grösser ausschaut, als er wirklich ist.» 2