Künstlich, intelligent, Jungfrau sucht …
Über das Politische bei Imaginationen der KI in der Pop-Kultur
HKB-Forschende, SNF-Projekt Confederatio Ludens: Swiss History of Games, Play and Game Design 1968–2000
Es ist gerade sehr schwer, dem Thema Künstliche Intelligenz KI aus dem Weg zu gehen. Also für uns als Geisteswissenschaftler sowieso, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Ob nun in den Nachrichten, egal ob Print oder Online, auf Social Media oder in der Werbung, wir werden durchgehend mit vielfältigen, oft widersprüchlichen, selten jedoch aufklärenden Informationen oder Meinungen zu Künstlicher Intelligenz bombardiert. Schon bald sollen KIs unsere Arbeit, ja unser ganzes Leben revolutionieren. Sie helfen in der Krebsforschung, erschaffen vermeintlich hübsche Bilder und machen uns alle eventuell demnächst arbeitslos.Die mit 50,4% nur sehr knapp positiv ausgefallene Zustimmung der Schweizer Bevölkerung zur Einführung der elektronischen Identität (E-ID) bestätigt ein wachsendes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber KI genauso wie eine Umfrage des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI). Doch worauf fusst dieses Misstrauen? Die wenigsten von uns begreifen, wie genau Künstliche Intelligenz funktioniert. Was ist eine starke und was ist eine schwache KI? Ist die Bezeichnung «Intelligenz» für Large Language Models wie ChatGPT überhaupt gerechtfertigt? Trotzdem haben wir meist eine grundlegende Meinung, glauben Gefahren und Potenziale erkennen zu können. Woher aber kommt diese Meinung?
Kollektive Erinnerungen und Ängste
Nun, zum einen fusst sie auf kollektiver Erinnerung, auf einer gemeinsamen Geschichte. Bereits bei der Computerisierung und der Automatisierung Jahrzehnte bis Jahrhunderte zuvor verschwanden ganze Berufsfelder und krempelten die Gesellschaften ökonomisch und sozial um. Wir erinnern uns auch gemeinsam, dass jede technische Errungenschaft in der Anfangszeit von unausgereiften Umsetzungen und mitunter gefährlichen Fehlern geplagt ist. Aber neben diesen sehr plausiblen Befürchtungen geistern in unserem Unterbewusstsein noch andere Ängste herum, Vorstellungen von übergriffigen, gefährlichen KIs, die sich vielleicht irgendwann einmal gegen ihre Meister – also uns! – wenden könnten. Vorstellungen von Programmen, die uns vielleicht bald schon überlegen sein könnten und sich zu unseren neuen, fremdartigen Göttern aufschwingen könnten – die sogenannte technologische Singularität. Wo haben diese Ängste ihren Ursprung? Hierfür gibt es keine historischen Präzedenzfälle. Oder doch?Hier nun setzen wir mit unserer Forschung an, denn wir beschäftigen uns mit der Ideengeschichte und dem rhetorischen Design in digitalen Spielen. Werfen wir einen Blick auf Imaginationen künstlicher Intelligenzen in digitalen Spielen, erklären sich die Ängste rasch. Vor allem in dystopischen Science-Fiction-Szenarien wissen wir ganz genau, was uns erwartet, wenn wir hier einer KI begegnen. Siehe oben. Shodan in System Shock, GlaDOS in Portal, HADES in Horizon Zero Dawn. Allein die Namen – Glados bedeutet im Lateinischen Schwert, Hades ist der griechische Gott der Unterwelt – strahlen oft bereits im Vorfeld eine sinistre Aura aus.
Fortsetzung von Frankenstein
Dabei ist der Mythos der zerstörerischen KI, so nahe es auch liegt, keine Erfindung des Computerspiels. Denken wir nur an Skynet aus den Terminator-Filmen oder HAL aus Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum. Ja es ist nicht einmal eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, denn im Kern ist die Geschichte der rebellierenden menschgeschaffenen Intelligenz nichts anderes als eine Fortsetzung von Frankensteins Monster und des mittelalterlichen (alchemistisch geschaffenen) Homunkulus. Noch früher zurück liegt untere anderem der Pygmalion-Mythos, die künstliche Frau. Verkürzt dargestellt, ist die zugrundeliegende Angst bei allen Erzählungen die Gleiche, die Angst vor dem Kontroll- und Machtverlust: die Angst des Kapitals, die Kontrolle über die Arbeit(er*innen) und die Angst des Patriarchats, die Kontrolle über die Frauen zu verlieren.
Nun stellt sich die Gretchenfrage: Erfüllt dieser fast schon zeitlose Mythos heute noch eine gesellschaftspolitische Funktion, indem er uns auch vor Gefahren zeitgenössischen Entwicklungen warnt? Diese Frage haben wir Anfang September im Berner Käfigturm gemeinsam mit einem interessierten und erstaunlich diversen Publikum diskutiert. Tatsächlich erfüllen solche populärkulturellen Alltagsmythen im Sinne des französischen Philosophen Roland Barthes immer eine diskursive Funktion. Die Frage ist nur welche. Abgesehen von der ontologischen Frage, was den Menschen zum Menschen macht, ist das vor allem die Warnung vor einer zunehmend unkontrollierten, unüberlegten Weiterentwicklung der KI. Vor allem Privatunternehmen wie auch Einzelpersonen wird – mit gutem Grund – nicht zugetraut, alle möglichen Gefahren abzuwägen.
Amoralischer Marktliberalismus
Tatsächlich tragen in der Populärkultur KIs oft die Spuren eines enthemmten und teilweise amoralischen Marktliberalismus in sich. Man denke nur an die menschenverachtende Symbiose zwischen der KI Mother und dem Unternehmen Weyland-Yutani im Alien-Universum, die beide bereit sind, menschliche Kollateralschäden für die Profitsteigerung in Kauf zu nehmen. Natürlich gibt es hier keine direkte Entsprechung zur realen Welt, immerhin handelt es sich um einen Mythos, eine Fabel. Der Schritt dorthin ist jedoch nicht mehr ganz so weit. Es ist anzunehmen, dass die Technikfolgenabschätzung für viele junge Tech-Bros keine zentrale Rolle einnimmt.Zum Glück hat aber die politische Gemeinschaft zumindest mancherorts die Lektion gelernt, auch wenn die Mühlen der Legislative mitunter langsam mahlen und die Rechtsprechungen nur langsam und behutsam das Thema ins Recht aufnehmen. Aber auch nationale Gegenprojekte zu den oligarchen, vor allem US-amerikanischen KIs, etwa das in der Schweiz entwickelte Apertus LLM, haben zwar viel geringere Budgets, aber sie zeigen einen alternativen Weg zur Hype-Spirale.