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N°3/2025
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Digital Dada

Über die Grenzen der Kreativität im Zeitalter der KI

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Dozentin & Stv. Leiterin Institut Digital Technology Management BFH

1917 stellte Marcel Duchamp ein Urinal in eine Ausstellung und erklärte es zum Kunstwerk. Hannah Höch zerschnitt Fotografien und montierte sie neu. Die Dadaist*innen suchten den Bruch – sie wollten irritieren, nicht verschönern. Ihr Ziel war nicht die Perfektion des Werks, sondern die Infragestellung seiner Bedingungen. Das Werkzeug lieferte Material, aber der kreative Akt lag im mutigen Setzen neuer Kontexte. Ein Jahrhundert später wird die Frage neu gestellt: Was bedeutet Kreativität, wenn Maschinen mitgestalten? Künstliche Intelligenz erzeugt Bilder, Texte und Klänge, kombiniert, variiert, interpretiert. Sie kann Ideen entwickeln, Zusammenhänge erkennen und Muster neu sortieren. Doch eines tut sie (noch) nicht: Sie stellt ihre eigenen Voraussetzungen nicht infrage.

Wie sich das zeigt, lässt sich am Beispiel eines Unternehmens beobachten. Mithilfe von KI sollten in einem Innovationsworkshop neue Geschäftsideen entwickelt werden. Die Resultate waren makellos strukturiert: Plattformen für Nachhaltigkeit, Sharing-Modelle, zirkuläre Produkte. Alles klang plausibel, anschlussfähig – und erstaunlich vertraut. Die Zukunft, die die Maschine entwarf, war eine glatte Verlängerung der Gegenwart. Hier liegt die Grenze. KI reproduziert Muster – schnell, gefällig, effizient. Doch sie kennt kein Risiko. Sie hilft beim Optimieren, nicht beim Revolutionieren. Die eigentliche kreative Leistung bleibt menschlich: Fragen zu stellen, Widersprüche zuzulassen, das Erwartbare zu stören.

Genau darin verbinden sich Kunst und Wirtschaft. Beide ringen darum, Kreativität im Zeitalter der Algorithmen neu zu denken – nicht als Variation des Vorhandenen, sondern als bewussten Akt der Abweichung.

«Digital Dada» könnte dabei als Haltung dienen – nicht als nostalgische Referenz, sondern als strategische Erinnerung. KI kann Prozesse beschleunigen, Ideen kombinieren und Möglichkeiten eröffnen. Doch Bedeutung entsteht erst, wenn Menschen diese Ergebnisse aufnehmen, hinterfragen und weiterdenken – wenn sie das Werkzeug in einen neuen Kontext stellen und ihm Richtung geben. So wie die Dada-Bewegung Bedeutungen verschob, liegt auch heute die eigentliche kreative Leistung darin, Vorhandenes neu zu deuten – und daraus Neues zu schaffen.

Und vielleicht zeigt sich in Zukunft, dass sich auch KI weiterentwickelt – von der Lieferantin von Mustern zur echten Partnerin im kreativen Prozess. Bis dahin bleibt der menschliche Widerspruch ihr wichtigster Impuls.