Diebstahl von urheberrechtlich geschütztem Material
Künstliche Intelligenz verändert unser Leben. Errungenschaften wie Risiken sind kaum absehbar. Sicher ist: der Schutz des geistigen Eigentums ist eine grosse Herausforderung
Geht man heute nach einer aufwendigen Aufnahmesession ins Studio, um den sogenannten rough mix fertig abzumischen, dann hat man vielleicht 20 – 40 einzelne Spuren auf dem Mischpult, die man einzeln aufbereiten und in ein Gesamtbild einfügen muss, das den musikästhetischen Vorstellungen entspricht: Will man die Gesamtproduktion eher Richtung Mainstream oder Experiment, den Rhythmus eher Richtung Trip-Hop oder Old School Rock lenken? Je nach Entscheid sind einige Stunden und viel Know-how des technischen Personals nötig. Zukünftig wird das die KI übernehmen, und zwar sehr schnell. Ich lasse mir dann fünf Varianten meines Rough Mix präsentieren und habe so bereits viel teure Studioarbeit gespart. Anderes Beispiel: Warum sollte ich als grosse Firma irgendjemanden mit Musik für meinen Werbespot beauftragen, wenn ich Text und Musik von der KI innert Minuten erhalte und mich weder um Honorar noch um Urheberrechte kümmern muss?
Die Entwicklung in der künstlichen Intelligenz wird auch das Musikbusiness stark beeinflussen und hat es bereits getan. Dabei ist KI im Grunde bloss «Datenanalyse für komplexe Aufgaben», wie es Urs Hölzle, «Google-Mitarbeiter Nr. 8», also einer der ersten Stunde, neutral formuliert. Doch neutral ist in der KI schon lange nichts mehr, was auch mit der unscharfen Definition des Begriffs «Intelligenz» und dessen unterschiedlichen Prägungen im Englischen (es bedeutet hier auch einfach Daten, Information) und im Deutschen zusammenhängt. Das Europäische Parlament schreibt: «Künstliche Intelligenz ist die Fähigkeit einer Maschine, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren. (…) KI-Systeme sind in der Lage, ihr Handeln anzupassen, indem sie die Folgen früherer Aktionen analysieren und autonom arbeiten.» Bis hier sind sich viele einig und auch in der Prognose, dass KI unser Leben drastisch verändern und vor allem neue Schichten von Verlierer*innen und Gewinner*innen produzieren wird. Demis Hassabis, Nobelpreisträger für Chemie 2024 und CEO von DeepMind, behauptet 2025 in «Die Zeit»: «Viele sagen, es bestehe kein Grund zur Sorge – was ich einigermassen verrückt finde angesichts einer Technologie, die eine grössere Tragweite haben wird als die industrielle Revolution.» Die Prognosen betreffend KI von Euphoriker*innen und Untergangsprophet*innen sind gross. Sam Altman, CEO von OpenAI und einer der Treiber der Entwicklung, sieht es in einem Interview 2023 geradezu zynisch: «AI will probably most likely lead to the end of the world, but in the meantime, there will be great companies.»
KI stellt uns vor riesige Herausforderungen, vier seien angesprochen:
KI verschiebt die Grenze zwischen «wahr» und «plausibel» auf bedrohliche Weise. Vieles, was uns KI anbietet, klingt sehr plausibel. Aber es ist deswegen nicht wahr. Faktenprüfung wird anspruchsvoller.
Allgemeiner Natur ist der Umstand, dass die Gesetzgebung dem Tempo der Entwicklung unmöglich folgen kann. Noch sind kaum Gesetze in Kraft, welche die enormen Wirkungen von KI regeln könnten. Das Bundesamt für Kommunikation hat in seinem Bericht vom Februar 2025 an den Bundesrat formuliert, dass KI ein Schwerpunkt in der Legislaturplanung 2023–2027 darstellt, und die Motion Gössi fordert den «besseren Schutz des geistigen Eigentums vor KI-Missbrauch». Doch bis das greift, wird es dauern.
Ein drittes Problem ist die zunehmende Kapazität. Man spricht von «allgemeiner» KI, die bald schon Realität sein und das autonome Handeln dieser Systeme nochmals stark erhöhen wird. Sollten sich verschiedene solcher superpotenten Systeme zusammenschliessen oder klonen, dann könnten sie öffentliche oder private Institutionen verändern oder angreifen auf der Basis selbst definierter Ziele. Da kann man nicht einfach den Stecker ziehen.
Schliesslich, und hier kommen wir zur Kultur, ist der Diebstahl von urheberrechtlich geschütztem Material eine schwerwiegende Situation. KI – als redundante Echokammer der Realität – muss mit Realität trainiert werden, und in der Regel wird der Gebrauch dieser Trainingsdaten – Millionen von geschützten Songs, Büchern, Bildern – nicht entschädigt. Autor*innen gehen leer aus, obschon sie den Rohstoff liefern für die Programme.
Aktuell werden Musterprozesse geführt, um diese Fragen zu klären, eingereicht haben sie teilweise grosse Urheberrechtsagenturen wie etwa die deutsche GEMA (Musik), die OpenAI und Suno, eine Musiksoftware, eingeklagt haben. Wie massiv dieser Umstand ein altbewährtes Geschäftsmodell der Kunst und Kultur bedroht, zeigen zwei Zitate. Noam Chomsky, altlinker amerikanischer Sprachwissenschaftler und Star-Intellektueller: «Es handelt sich um den grössten Diebstahl geistigen Eigentums seit der Ankunft europäischer Siedler auf dem Land der amerikanischen Ureinwohnenden.» Nicht minder drastisch sieht dies die kommerzielle Pop- und Rockbranche, die sich in der Artist Rights Alliance zusammengeschlossen hat: «Some platforms and developers are employing AI to sabotage creativity and undermine artists, songwriters, musicians and rightsholders. Some of the biggest and most powerful companies are using our work to train AI models. (…) AI will set in motion a race to the bottom.» Mittlerweile stammt ein grosser Teil der über 100 000 Songs, die täglich auf den Streaming-Plattformen wie Spotify oder Deezer publiziert werden, aus KI-Quelle.
Es geht um viel Geld. Im September 2025 hat die US-amerikanische Firma Anthropic nach einer Sammelklage eingewilligt, 1,5 Milliarden Dollar zu zahlen für die unrechtmässige Nutzung von Werken von Autor*innen. Auch die Schweizer Literaturszene hofft, in den Genuss von Entschädigungen zu kommen. Das Rennen zum Abgrund und die rechtliche Auseinandersetzung sind in vollem Gange. Die Hoffnungen auf Errungenschaften und Erleichterungen des menschlichen Daseins sind aber auch sehr lebendig. Es wäre zu einseitig, nur die Bedrohung durch KI zu sehen. Gerade in Naturwissenschaften wie Medizin, Chemie, Meteorologie und vielen weiteren Zweigen wird KI enorme Fortschritte ermöglichen, weil man im grossen Massstab und mit wenig Kosten simulieren kann – ein Modell, das für die Kunst, die auf Individualität und Aura setzt, nicht einfach übertragbar ist.
In der Kulturproduktion verändert aber KI nicht bloss die Anwendung, sondern, und das wird oft unterschätzt, das Kontextbewusstsein und den Begriff des Musikmachens selbst. Seit den 1980 Jahren findet in der Musikproduktion oft das Prinzip Sampling Anwendung: wenn man bereits aufgenommene Musik in die eigene Arbeit integriert. Man sucht nach dem passenden Ausschnitt – man muss also wissen, wo man suchen muss – und schneidet diesen aus, um ihn zu übernehmen und weiterzuverarbeiten. Dazu ist musikhistorisches Wissen nötig. Jemand musste beispielsweise auf die Idee kommen, dass die Rhythmusgruppe von Funk-Legende James Brown eine Fundgrube ist für die Herstellung und Kontextualisierung knackiger Beats. Heute fordert man die KI auf, einen Beat zu generieren, der «wie James Brown klingt», aber beispielsweise den Elektrobass mit einer Baritonsaxofonlinie ersetzt. Kurz: Sampling war gestern, heute gilt Prompting, und das ist völlig unbelastet von Kontextwissen machbar. Einen Befehl eintippen kann jede*r. Noch ein Unterschied kommt hinzu: Komponieren, um bei der Musik zu bleiben, bedeutet, Musik zu schaffen.
Es ist musikphilosophisch umstritten, ob KI dazu in der Lage ist, denn, wie es Noah Martin, Generalsekretär der Schweizerischen Urheberrechtsgesellschaft SUISA formuliert: So wird nicht im engeren Sinne Musik geschaffen, sondern lediglich entdeckt. «Den kulturellen Wert solcher Musiken müssen wir wohl noch eruieren. In rechtlicher Hinsicht ist die Lage aber klar: Urheberrechtlich schutzfähig ist gerade eben nicht die entdeckte, sondern nur die geistig geschaffene Musik.» Die Beispiele und die Problemlage zeigen: KI wird die Inhalte massiv verändern.