Der berührte Klang oder das Embodiment algorithmischer Komposition
Performing Mobile Technologies oder das Smartphone als Performance-Tool
Am 24./25. Oktober fand an der HKB das Symposium Performing Mobile Technologies: das Smartphone als Performance-Tool in Komposition und Klangkunst statt. Dazu ein paar grundlegende Gedanken.Die Auseinandersetzung mit algorithmischen Prozessen in der Musik ist viel älter als die gegenwärtige Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz. Schon in den 1950er- und 1960er-Jahren versuchten Pioniere wie Max Mathews, Lejaren Hiller, Iannis Xenakis, Klarenz Barlow oder Gottfried Michael Koenig Musik durch Rechenprozesse zu erzeugen, um die Beziehung zwischen Regel und Zufall, Determination und Offenheit auszuloten. Diese frühen Systeme prüften, inwiefern Denken, Zahl und Klang sich in musikalischen Prozessen überlagern. Die Fragen heutiger KI-Modelle, wie mechanisch-statistische Prozesse Bedeutung hervorbringen, wie Autonomie und Kreativität ineinandergreifen, wurden dort zum ersten Mal gestellt. Allerdings in grosser räumlicher wie zeitlicher Distanz in abgesicherten Rechenzentren und elektronischen Studios, fern vom eigenen Körper, fern von jeder körperlichen Berührung.
Smartphone in der Textur des Körpers
Diese Distanz hat sich aufgelöst. Die grossen «Rechner» sind nicht mehr eine äusserliche Technologie, sondern ein fühlbares Organ geworden. Mit dem Smartphone tritt der Algorithmus in die Nähe des Körpers, ja in seine Textur ein. Er liegt in der Hand, am Handgelenk, in der Hemdtasche, auf der Haut. Er misst, reagiert, hört, übersetzt Bewegung in Daten und Daten möglicherweise auch in Klang. Das Musikalische wird nicht länger nur komponiert, sondern berührt. Aus der Maschine ist eine zweite Membran, eine technische Haut geworden.Technologischer Algorithmus und körperliche Haptik werden miteinander verflochten. In der Folge können wir von einer «zweiten Ökologie» elektroakustischer Praxis sprechen. Weg vom Studio als distanziertem Produktionsort, hin zu einer massenhaften und alltäglichen Ökologie, in der Technik als Umgebung, als atmende Medialität im Raum des Körpers wirkt. Komposition wird so weniger als Werkproduktion, denn als Gestaltung von Relationen zwischen Körper, Raum und Technik begreifbar.
Das zentrale Moment dieser Verschiebung ist die Berührung.
Touch Interfaces sind nicht nur Kanäle zur parametrischen Steuerung, sondern Zonen reziproker Aneignung. Der Finger trifft nicht ein neutrales Feld, sondern das Display, der Sensor, das Interface antwortet mit Widerstand, Verzögerung, haptischem und auditivem Feedback. Ein wechselseitiger Prozess, in dem sowohl die Geste als auch das Gerät Spuren hinterlassen. Gesten werden zu Erkenntnisakten, Touch wird zur Grundlage eines «Wissens durch Kontakt» (Andi Otto).
Von der Kybernetik zur Ästhetik
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Rolle der KI neu fassen und zugleich kritisch hinterfragen. Ästhetische Erfahrung ist niemals ein reiner Informationsprozess. Wo Ingenieurwissenschaft und Kybernetik Muster generieren, operiert ästhetische Erkenntnis im Modus des Ereignishaften, des Erscheinen-Lassens, der nicht propositionalen Einsicht. Daher muss eine unreflektierte Übertragung kybernetischer Metaphern auf ästhetische Praxis kritisch hinterfragt werden. Die blosse statistische Nachbildung von Stilstrukturen durch neuronale Netze substituiert nicht das Erlebnis, das Echo, die Stille, den Widerstand, die Reflexion, kurz: das, was Musik und Kunst als erkenntnisgenerierende Praxis auszeichnet.Der Begriff des «berührten Klangs» versucht diese Dimension zu beschreiben. Es ist ein Klang, der durch und in der Berührung entsteht, der mit der biologischen und der technischen eine doppelte Haut durchläuft und der in der Resonanz beider Häute erst seine ästhetische Relevanz gewinnt. Er impliziert zugleich eine Ethik und eine Ästhetik. Ethisch insofern, als die Nähe von Körper und Rechenmaschine Fragen nach Autonomie, Präsenz und Verantwortung aufwirft. Ästhetisch insofern, als die Gestalt des Klanges nicht länger allein Ergebnis formaler Prozesse ist, sondern Kontinuum von Geste, Oberfläche, Stille und körperlicher Reaktion.Kreativer Einsatz von KI in der Musik darf nicht in die Idee verfallen, Maschinen könnten das ästhetische Ereignis ohne die menschliche Dimension reproduzieren. KI kann Formen vorschlagen, Muster erweitern und Sensordaten modellieren. Die Erfahrung jedoch, das In-die-Stille-Gehören, das Zögern, das Hören-als-Antwort, bleibt eine Domäne, in der Körperlichkeit und situative Präsenz unverzichtbar sind. Die produktive Aufgabe für Komponist*innen, Musiker*innen und Theoretiker*innen liegt somit nicht in der Überbietung der Maschine, sondern in der utopischen Gestaltung jener Zwischenräume, in denen sich Maschine und Mensch wechselseitig berühren, stören und miteinander räsonieren.