Begriffe aus einer anderen Zeit
Wer erinnert sich an Original und Fälschung? Die Desinformationsschleuder krempelt die Medien um
Nicht lange ist es her, da hat man bei diesem Begriffspaar an Hitlers Tagebücher und den «Stern» gedacht, an Konrad Kujau oder an Wolfgang Beltracchi. An Kunstfälscher und die Skandale, die sie auslösten. An die Diskussionen um deren Kunst oder doch deren Kunstfertigkeit und die Wirkung der Skandale auf den Kunstmarkt und die ausstellenden Museen. In einer Zeitung einer Kunsthochschule ist diese Perspektive naheliegend und niemand wundert sich wirklich. Ausserhalb dieser Welt oder wie man heute sagt ausserhalb unserer Blase ist das aber ganz und gar nicht so. Die obige Sichtweise ist für die meisten Menschen nicht mehr selbstverständlich, nicht logisch und naheliegend und nicht der erste Gedanke.
Das Begriffspaar «Original und Fälschung» löst heute wohl meist Assoziationen aus wie «Wahrheit oder Lüge», wie «News oder Fake News», «alternative Fakten», gut oder böse! Bewertungen und Werte, die erst einmal nichts zu tun haben mit Original und Fälschung im bisherigen Sinne, nichts zu tun haben mit Kunst.
Die Umdeutung unserer Assoziationen sagt viel aus über unsere Zeit, über eine Entwicklung, die eine technische ist und gleichzeitig eine ethisch-moralische. Fälschungen im Unterschied zum Original spielen in unserer Wahrnehmung der Welt fast keine Rolle mehr. Oder ist das Bild von Papst Franziskus im weissen Wintermantel eine Fälschung? Generiert von einer künstlichen Intelligenz und ein Aha-Erlebnis für viele Menschen. Mit diesem Bild wurden uns die Möglichkeiten der KI vor Augen geführt und gleichzeitig die Macht der Bilder. Sie brennen sich uns eben ein ohne den Umweg über den Verstand. Und so markiert das Bild irgendwie den Beginn einer neuen Zeit, einer Zeit, in der nicht Fälschungen unsere Wahrnehmung stören und beeinflussen, sondern Neuschöpfungen einer Realität, die nicht real ist, nicht richtig, nicht wahr. Ein Paralleluniversum, in dem was auch immer gesagt werden kann, ob Lüge oder Wahrheit, und nebeneinander Fake News, News und alternative Fakten stehen und am Ende es immer schwieriger wird zu unterscheiden zwischen gut und böse.
Von einer KI generierte Bilder und Pseudofakten entstehen ja nicht durch den Willen einer Maschine, nicht weil ein Computer uns täuschen will überschwemmen sie die Social-Media-Kanäle. Diese Bilder werden geschaffen durch den Willen von Menschen, die damit Ziele verbinden, Ziele erreichen wollen. Sie erschaffen diese Welten künstlich für ihre Propaganda, zur Täuschung anderer – oft aus niederen Beweggründen. Nicht die Maschine hat ihren Kompass verloren, sie hatte nie einen und wird voraussichtlich nie einen haben. Verantwortung tragen die Menschen, die diese Technologie nutzen, benutzen und ausnutzen. Technologie kann wie selbstverständlich im Guten wie im Bösen genutzt werden, sie hat keine ethisch-moralische Position.
So wie wir über diese Technologie und deren Produkte sprechen, über Hatespeech im Netz, über Fake News auf den Social-Media-Kanälen oder über KI generierte Bilder zur Desinformation, klingt das häufig, als würden Maschinen die Herrschaft übernehmen. Aber noch ist das nicht so. Menschen nutzen diese Werkzeuge, um Hass zu schüren, um Desinformation und Lügen zu verbreiten. Sie nutzen sie für ihre Interessen, sei es, um Geld zu scheffeln oder um Einfluss und Macht zu gewinnen – eben aus niederen Beweggründen.
Das klingt so lapidar und selbstverständlich und scheint es doch häufig nicht zu sein. Sonst würden wir nicht immer wieder reden über die Gefahren von Social Media und KI, sondern die Menschen, die diese missbrauchen, beim Namen nennen – immer und immer wieder.