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N°3/2025
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Bachelor und Master Jazz and Contemporary Music

Text und Interview

Jazz? Terrormusik!
Ach, du hast sicher in Montreux gespielt?
Marian’s Jazz Room?
Schöne Hintergrundmusik!
Kenny G? Nina Simone? Louis Armstrong? Brand New Heavies?

Eines der grössten Probleme des Jazz ist in der Tat, dass sich bis heute niemand so recht darauf einigen konnte, was er eigentlich ist. Das Wort ruft bei uns allen andere Assoziationen hervor – geprägt von Soziali­sierung und Geschmack. Damit berührt es direkt den Kern der Frage, wer wir sind und warum wir überhaupt Musik und Kunst konsumieren.
Jazz war immer die Musik des kreativen Flusses, ein Treffpunkt der Genres – sei es im Austausch mit Blues, zeitgenössischer Klassik, Berlins minimalistischen Elektronik-Improvisator*innen, Avant-Pop oder nordindischer klassischer Musik. Mit der stetig wachsenden Fülle an Musik und Kunst, die uns jederzeit zur Verfügung steht, wird die Herausforderung, eine eigene künstlerische Stimme zu finden, jedenfalls nicht kleiner.
Wer jedoch Namen wie Aino Salto, Alpha Ray, NIKKO, Anna Kalk, Cocon Javel, Ruiqi Wang, Matthieu Mazué, Myslaure Augustin, Thomas Canna oder Jessica Manga googelt, wird feststellen: Die Sache wird nicht einfacher. Diese Musiker*innen gehören alle zu einer frischen Welle jazzverwandter Performer*innen-Komponist*innen, die in den vergangenen Jahren durch die Türen des HKB-Studiengangs Jazz und Contemporary Music gegangen sind.

Ist Jazz Musik zum Entspannen, passend zur Dinner-Party? Das politischsteKunstformat, das wir kennen?Oder einfach der schönste Ort für improvisierte Livedialoge und ein Risiko eingehen mit Performance und Poesie?

Weit entfernt von den alten Klischees – Zigar­renrauch, Drogenexzesse und «Helden»- Figuren, die aus heutiger Sicht zu Recht untragbar sind – veröffentlichen unsere Absolvent*innen auf internationalen Labels wie Forcefield Records, Jazzdor, Unit und mehr. Und sie sind immer häufiger sowohl auf Schweizer als auch auf internationalen Club- und Festivalbühnen zu erleben.
Nach zwei Jahren fundierter Grundlagen im Bachelor liegt das Lernen zunehmend in den Händen der Studierenden: Sie entscheiden, worauf sie ihre Zeit und Interessen konzentrieren, arbeiten transdisziplinär, organisieren ihr eigenes Festival und kuratieren die Konzertreihe Chrut u Rüebe bei BeJazz – einem unserer wichtigsten lokalen Partner.
Ein aktualisiertes Programm in Forschung und Musikgeschichte führt dazu, dass Abschlussarbeiten direkt die Lebenswelt und künstlerische Praxis der Studie­renden berühren – auf wie neben der Bühne. Im letzten Jahr wurden diese Themen behandelt: das Konzertpublikum in einen Chor verwandeln, eine App zum Üben auf Basis kognitiver Psychologie entwickeln, Instagram als Marketing-Tool für Künstler*innen untersuchen, Konzerte für Gehörlose konzipieren, Hochsensibilität im Hochschulkontext, Kitsch, die Drums von Aphex Twin sowie Dynamiken von Ausgrenzung und Möglichkeiten der Transformation im Hinblick auf Rassismus, Sexismus und Anerkennung in der aktuellen Jazzpädagogik.

 

Interview mit Mathea Oberholzer, Master Pädagogik – Jazz and Contemporary Music

Mathea, erzähl uns etwas über dich.
Ich bin Mathea, 25, bin im Thurgau in einer Grossfamilie mit fünf Kindern aufgewachsen
und wohne seit drei Jahren in Bern. Im Moment arbeite ich an verschiedenen Projekten, und ein besonderes Herzensprojekt (ich mache hier nun das erste Mal offiziell Werbung dafür) ist mein selbst produziertes Album question marks, welches ich Anfang 2026 unter meinem Künstlernamen matheachiara veröffentlichen werde. Der Titelsong beschreibt das Gefühl vom Mensch-Sein auf Erden, vom Sich-Entfremden, vom Sich-der-Welt-nicht-vollkommen-zugehörig-Fühlen, vom Fragen und Hinterfragen und vom Hilferuf nach Hoffnung. Neben dem Studioarbeitsprozess bereite ich mich derzeit gerade auf ein Solokonzert vor und arbeite daran, ein Bandprojekt aufzugleisen, um meine Musik in unterschiedlichen Formaten und Formationen auszuprobieren. Einen grossen Teil meiner Zeit verbringe ich auch mit Singen in der Kirche, was mir viel bedeutet und wo ich mich sehr gerne investiere.
Nicht nur Klanggeflechte, sondern auch die literarische Welt interessiert mich sehr. Ich investiere viel Zeit ins Schreiben von Texten, Gedichten, Geschichten und versuche, so meinen ganz eigenen Stil zu entwickeln, wo Musik und gesprochene und gesungene Texte gleichermassen zum Zug kommen. In meiner Musik steckt viel Herzblut. Ich liebe es, persönliche Geschichten und schwierigere Themen anzusprechen und meine Zuhörer*innen auf eine musikalische Reise mitzunehmen.

Bist du Jazzmusikerin?
Schwierige Frage. Ja und nein. Es hängt ein bisschen davon ab, wie man Jazz definiert und wo ich mich in dieser Definition selbst einordne. Ich sehe Jazz als sehr breit gefächert. Und dort würde ich mich dann vielleicht eher als eine zeitgenössische Musikerin mit Jazzeinflüssen einordnen. Ich lasse mich gerne von traditionellem Jazz inspirieren, sehe mich aber nicht hauptsächlich in diesem Genre verankert. Vielleicht müsste ich mal mein Umfeld fragen, was es dazu meint …!

Erzähl uns von deiner Zeit an der HKB.
Die letzten Jahre waren geprägt von vielen kleinen Highlights: Teil von tollen Projekten sein, Zeit mit meiner Familie verbringen, im Sommer in den See hüpfen, zu Hause bei Sonnenuntergang musizieren, auf Konzerte gehen und dort spielen, Freunde aufblühen sehen in dem, was sie machen, Musik schreiben, Musik teilen, Fortschritte sehen – und so vieles mehr … Besteht die Kunst des Alltags nicht ein bisschen darin, die vielen Mini-Highlights zu sehen? Ein grosses Highlight dieses Jahr war sicherlich der Abschluss meines Bachelors und besonders das Bachelorkonzert: nervenaufreibend und stressig, aber wunderschön! Meine Zeit an der HKB war ein innerliches Auf und Ab. Die grössere Umstellung gab mir manchmal das Gefühl, etwas unterzugehen. Gleichzeitig bot mir die HKB aber die Chance, mich selbst, meine Musik und das Musikschaffen ganz neu zu entdecken. Ich hatte die Möglichkeit, viel auszuprobieren, und wurde dabei von der Schule und meinem Umfeld immer unterstützt. Gerade wenn es mir an Selbstvertrauen gefehlt hat, haben mich das schulische und das persönliche Umfeld motiviert, weiterzumachen und Neues zu wagen.Die meisten Menschen würden Stimmprobleme wahrscheinlich nicht als Highlight einordnen, aber als ich in der Mitte des Bachelorstudiums plötzlich drei Monate lang pausieren und in die Logopädie gehen musste, brach für mich eine kleine Welt zusammen. Diese entstand aber schnell wieder, als ich merkte, wie viel ich daraus lernen kann und wie nachhaltig gut die Auseinandersetzung mit meinem Problem schliesslich war.Meine Bachelorthesis Hochsensibilität im Hochschulkontext ist auch aus einer sehr persönlichen Motivation entstanden. Dass ich hoch­sensibel bin, wusste ich zu Beginn meines Studiums, und meine eigenen Erfahrungen und der Austausch mit Mitstudierenden motivierten mich, mich näher mit diesem Thema auseinanderzusetzen und über positive Aspekte, Herausforderungen, Strategien und Veränderungsansätze zu schreiben. Ich bin selbstbewusster geworden, weiss besser, wer ich bin, wo ich hingehöre und wohin ich möchte. Auch meine Musik ist selbstbewusster geworden, gewagter, klarer, individueller, vielfältiger und klingt immer mehr nach mir.In den Master Pädagogik Jazz and Contemporary Music habe ich wunderbar gestartet und ich freue mich auf alles, was die kommenden zwei Jahre noch mit sich bringen werden!