Violetta Dyka
Die Flucht aus der Ukraine in die Schweiz und eigene traumatische Erlebnisse haben ihre Arbeit als Social Designerin geprägt: Violetta Dyka findet Lösungen für Menschen, denen die Privatsphäre und das Recht auf Individualität abhandengekommen sind.
Violetta Dyka hat einen Spiessrutenlauf hinter sich, als sie von der Ukraine in die Schweiz gekommen war. Als Flüchtling geriet sie in Teufels Küche. Im Staatssekretariat für Migration SEM sagte man ihr, sie müsse in einen anderen Kanton gehen, da sie sich dort zuerst registriert hatte. Da sie zuvor einen Sommerkurs in Architektur in Italien besucht hatte, wolle man ihr keinen Schutzstatus geben. Dozierende schrieben zahlreiche Briefe an Behörden, sodass sie schliesslich doch noch ein Jahr später ein Studentenvisa erhielt und sich in Bern niederlassen konnte, um an der HKB ihren Master in Design zu absolvieren.
Eigene Erfahrungen
Violetta Dyka hat in der Ukraine Industrial und Interior Design studiert. Heute leitet sie ihr eigenes Forschungsprojekt im Institute of Design Research an der HKB. Früher hatte sie Gestaltungskonzepte für Wohnungen und Kaffees entwickelt und Design vor allem als etwas, das die Welt verschönert, verstanden. Mit dem Erlebten änderte sich ihre Perspektive. Sie wollte etwas tun für Menschen auf der Flucht, die plötzlich gezwungen sind, an Orten zu nächtigen, wo ihnen jegliche Privatsphäre abhandenkommt. So entwickelte sie im Rahmen ihrer Masterarbeit das Projekt Design for Dignity und wurde damit 2025 von der Berner Design Stiftung mit dem Preis für Newcomer ausgezeichnet und konnte ihr Projekt in einer Gruppenausstellung im Kornhausforum vorstellen. Von der Gebert Rüf Stiftung, die Innovationen zum Nutzen der Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft unterstützt, wird ihr Projekt nun gefördert. Bei der Produkteentwicklung arbeitet Dyka mit dem Swiss Center for Design and Health (SCDH) zusammen.Ihre eigene Erfahrung im Bundesasylzentrum floss in die Abklärungen dazu, was Menschen in Not brauchen, mit ein. Viele Zentren sind überfüllt. Durch die fehlende Privatsphäre entsteht bei vielen Menschen Stress und Schlaflosigkeit – Fluchttraumas werden durch wenig persönlichen Freiraum verstärkt. Dyka hat recherchiert und mit Menschen mit Fluchterfahrung zahlreiche Interviews geführt. «Mein Konzept basiert auf Fakten und Erfahrungen», so die Designerin. Dyka hat zu Beginn Prototypen aus Holz und wiederverwendbaren Materialien wie PET gebaut, die das Wohlbefinden von Geflüchteten sowie von Mitarbeitenden in Bundesasylzentren steigern. Auf Farben wie Rot oder Schwarz, die einige Menschen triggern können, hat sie bewusst verzichtet. Die Vorrichtungen erlauben es, die Kajütenbetten voneinander abzugrenzen, eine Wand hochzufahren oder schaffen auch Platz für die Anbringung von Privatem, wie etwa Familienfotos. «Ich und mein Team versuchen, einen gewissen Komfort in diese Zentren zu bringen», so die Projektleiterin.
Freies Denken
An der HKB habe sie das eigenständige, freie Denken erlernt. «Das Bildungssystem in der Ukraine unterscheidet sich stark von demjenigen in der Schweiz», so Dyka. In der Ukraine habe sie meist eine klare Aufgabe erhalten, die es nach Schema X zu lösen galt. An der HKB müsse und dürfe man seine eigenen Lösungsansätze entwickeln. Ihre Inspiration seien
die Menschen und deren Vielfältigkeit. «Verschiedene Perspektiven interessieren mich,
denn jeder Mensch sieht Aspekte, die andere übersehen.» Ihre erste Liebe, jene zur Architektur, hat sie sich erhalten. Sie reiste etwa nach Zürich, nur um Bauten wie die Universitätsbibliothek des spanisch-schweizerischen Architekten Santiago Calatrava Valls zu besichtigen.Violetta Dyka möchte Schönheit und Funktionalität verbinden. Im interdisziplinären Modul des Y-Instituts an der HKB kam sie mit Kunstschaffenden aus anderen Sparten zusammen: mit Musiker*innen und Performer*innen etwa. Im Kurs wurde unter anderem behandelt, was eine gute Frage ist und wie man diese stellen kann. «Es war eine sehr spannende Erfahrung», so Violetta über diesen Austausch mit anderen Sparten.