Gian Linder
Er ist gerne in der Welt unterwegs, vorzugsweise in Städten mit dem Anfangsbuchstaben B. Gian Linder macht seinen Master in Art Education an der HKB. Im Gespräch erzählt der Berner von dem Unterrichten, seinen Projekten und seinem nächsten Ziel.
Es kommt immer häufiger vor, dass Gian Linder als Künstler adressiert wird – so zum Beispiel bei einem Kunst und Bau-Projekt in Zürich, an dem er gerade arbeitet. Ein kleines Dilemma. Denn der Berner sieht sich selbst nicht als «Künstler», sondern viel mehr als «Gestalter meiner Ideen», wie er selbst sagt: «Ob das, was ich tue, Kunst ist, sollen die Leute für sich selbst entscheiden.» Im Gymnasium verfestigt sich sein Wunsch, BG-Lehrer zu werden. «Ich habe gemerkt, dass Gestaltung und Vermittlung wie auch kollaboratives Denken und Arbeiten mich sehr interessieren. Ich denke, dass das Lehren eine inspirierende und sinnstiftende Tätigkeit ist.»An der Hochschule der Künste Bern studiert er im Master Art Education, unterrichtet nebenbei Bildnerisches Gestalten, boxt und tanzt. Linder hat ein «Heimspiel» in Bern und versucht deshalb regelmässig, aus seiner Komfortzone auszubrechen, um neue Orte für sich zu entdecken und neue Inputs zu bekommen – diese haben auffällig oft den Anfangsbuchstaben B.
Biel/Bern
Nach dem Gymnasium besucht er den Vorkurs in Biel. «Eine sehr prägende Zeit. Edi Aschwanden und andere Dozierende haben mit ihren Ideen und Ansichten meinen Horizont erweitert und mein gestalterisches Denken und Handeln stark inspiriert», sagt Linder. Nach dem Vorkurs zieht es ihn nach Luzern: «Ich wollte aus der Zone 100/101 rauskommen.» Nach einem Semester kehrt er jedoch wieder zurück nach Bern und wechselt an die HKB, wo er im Bachelorstudiengang Kunst und Vermittlung weitermacht. Im Bachelorstudium entscheidet er sich für ein Austauschsemester in Brüssel.
Brüssel
In der belgischen Hauptstadt studiert er Kunst im öffentlichen Raum, verbringt aber auch viel Zeit an Konzerten, arbeitet in einem Bistro in der Küche oder ist im Boxkeller. Dort erhält Linder den Spitznamen «Le Petit Suisse». «Das war noch schön, ich habe zwar zu Beginn nur die Hälfte davon verstanden, was gesagt wurde, aber man lernt es dann schon – spätestens, wenn man sich die Pfoten an der Pfanne verbrennt oder sonst einen auf den Deckel kriegt. Brüssel war eine gute Erfahrung und ich bin dort auch immer noch vernetzt», so Linder.In seinen Projekten und Arbeiten befasst er sich oft mit dem öffentlichen Raum. «Kunst im öffentlichen Raum setzt Dinge in einen Kontext, in dem die Gesellschaft in Dialog tritt. Ich finde wichtig, dass ‹Kunst› Leute adressiert und nicht etwa exklusiv nur für kunstaffine Personen funktioniert.» Für sein Bachelorprojekt DATAMATON «telefoniert» sich Linder einen alten Fotoautomaten an. Diesen funktioniert er so um, dass der Automat anstatt der sechs ikonischen Passfotos eine Beschreibung des Gesichts druckt. Diese basiert auf einer Gesichtserkennungs-Software, welche mit x Gesichtern gefüttert wird, die nach Ethnien, Mann-Frau und Emotionen definiert werden. «Für mich ist die Arbeit unter anderem besonders spannend, weil sie zwischen privat und öffentlich stattfindet. Der Fotoautomat steht im öffentlichen Raum und bietet trotzdem Privatsphäre hinter dem Vorhang – hinter welchen niemand sieht.»
Bangkok
Im zweiten Semester des Masters Art Education machen die Studierenden ein Fachpraktikum an einem Gymnasium. Normalerweise wird dies im Kanton Bern absolviert. Linder reist im November dafür aber nach Thailand, genauer an eine Schweizer Schule in Bangkok. «An der PH und der HKB haben sie gesagt, dass das noch nie jemand gemacht hat, aber sie mir keine Steine in den Weg legen würden», so Linder. In Bangkok will er seine Unterrichtserfahrung aus der Schweiz nutzen: «Mein Ansatz und Verständnis von Unterricht passt sich an die Umgebung und die Bedingungen an.» Was ihn an der Schule erwartet, ist noch nicht ganz klar. Thailänder*innen können dort eine Schweizer oder deutsche Matur abschliessen, was ihnen anschliessend den universitären Bildungsweg in den beiden europäischen Ländern eröffnet. Das ist natürlich nicht ganz günstig und einem privilegierten Klientel vorbehalten. «Es wird bestimmt eine spannende Erfahrung.»Neben dem Unterricht freut er sich auf die grosse Tanz- und Boxkultur in Thailand. Er boxe im Moment zwar nur englisch, will sich jedoch auch in Muay Thai versuchen. Sowieso ist Linder gespannt auf die vielen neuen Einflüsse: «Andere Formen von Ästhetik, Dynamik und Kultur bringen sicher neue Ideen. Sowie Brüssel meine Bachelorarbeit inspiriert hat, könnte Bangkok der Funke meiner Masterthesis sein.»
Wohin?
Ob nun für das Fachpraktikum in Bangkok, mit Stellvertretungen in Schulen oder bei künstlerischen Projekten, er habe immer grosses Vertrauen von den Personen bekommen. «Ich durfte immer wieder erfahren, dass mir Menschen – oft ganz bedingungslos – ihr Vertrauen geschenkt haben. Seien es Dozierende oder Mitarbeitende der HKB, Schulleitungen und Lehrpersonen, die mir ihre Klassen anvertrauen, oder Freunde und Familie, die ohnehin viel mitmachen. Das ist unglaublich wertvoll, denn so wird viel möglich. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe den Anspruch, diesem mir entgegengebrachten Vertrauen stets gerecht zu werden und es auch so weiterzugeben.»Das Fachpraktikum dauert drei Monate, im neuen Jahr – und im Schweizer Winter – ist Gian wieder zurück an der HKB. Wohin es ihn das nächste Mal zieht, ist noch unklar. Nach Bern, Brüssel und Bangkok gibt es jedenfalls noch weitere interessante Orte mit dem Anfangsbuchstaben B: Belgrad, Baris, Broc …