«Kunst und Wissenschaft kombinieren»
Alésia Barthoulot wusste früh, wohin ihr beruflicher Weg führen sollte: zur Konservierung und Restaurierung von Kunst-werken. Heute studiert sie an der HKB und arbeitet an spannenden Projekten – von der Pigmentanalyse einer ägyptischen Kartonnage bis hin zur Restaurierung von Gemälden des 20. Jahrhunderts. Im Interview spricht sie über ihren Werdegang, ethische Fragen in der Restaurierung und ihre Zukunftspläne.
Alésia, du wusstest mit 14 Jahren, was du beruflich machen möchtest. Wie kam es dazu?
Ja, das stimmt. Ich war schon als Kind sehr kreativ – habe viel gezeichnet und gebastelt. Mit 14 habe ich dann gemerkt, dass ich nicht nur Kunst machen, sondern sie auch verstehen und erhalten will. Mir war klar: Ich möchte Kunst, Kunstgeschichte und Wissenschaft kombinieren. Das Ziel, Restauratorin zu werden, stand für mich sehr früh fest.
Wie hast du den passenden Studiengang gefunden?
Nach einem Praktikum in einem Restaurierungsatelier in Pruntrut hat mir die Restauratorin dort das Studium an der HKB empfohlen. Dieses Praktikum hat mir sehr viel gebracht und mir die Möglichkeit gegeben, eine grosse Vielfalt an Materialien und Restaurierungsobjekten kennenzulernen. Da ich von Natur aus neugierig und wissbegierig bin, habe ich es besonders geschätzt, dass man an der HKB zwischen verschiedenen Ateliers wechseln kann. So begann ich zunächst mit einem Semester in der Vertiefung Architektur und Ausstattung. Doch bald stellte ich fest, dass meine Affinität stärker bei Polychromie auf Textil und Holz lag. Deshalb entschied ich mich für einen Wechsel und setzte meinen Schwerpunkt in der Vertiefung Gemälde und Skulptur fort.
War der Einstieg in das Studium einfach für dich?
Nicht ganz. Ich musste zuerst Deutsch lernen und wurde mit Schweizerdeutsch konfrontiert. Aber inzwischen habe ich einen Freundeskreis aufgebaut und fühle mich sowohl an der HKB als auch in Bern sehr wohl.
Was fasziniert dich an der Restaurierung?
Die Vielfalt, das umfassende Materialwissen, die Weiterentwicklung des Berufs durch Forschung und Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachbereichen, aber auch Nähe zu Künstler*innen – zu ihren Interessen, zu ihren Pinselstrichen und zur Geschichte, die sie erzählen wollen. Wir vermitteln zwischen Vergangenheit und Zukunft. Dabei gilt es ethische Aspekte zu integrieren. Die Absicht und die Botschaft der Künstler*innen sollen erhalten bleiben.
Du sprichst den ethischen Aspekt der Restaurierung an. Was bedeutet das?
Ethische Aspekte sind ein grosses Diskussionsthema, da sie je nach Epoche, Land und Kontext variieren. Diese Diskussionen betreffen Themen wie Authentizität, historische, ästhetische und sentimentale Werte. Wir müssen reflektiert handeln. In unserem Beruf unterscheiden wir zwischen Konservieren und Restaurieren. Konservierung bedeutet, ein Werk zu erhalten und den heutigen Zustand für zukünftige Generationen zu bewahren. Restaurierung hingegen ist eine Ergänzung oder ein Eingriff, der das Werk auf eine ethisch fundierte Weise verändert. Dabei diskutieren wir diese Entscheidungen sorgfältig mit verschiedenen Interessensgruppen. Heute arbeiten wir mit reversiblen Materialien, die dem Werk nicht dauerhaft schaden. Wir greifen möglichst wenig ein, analysieren wissenschaftlich und dokumentieren alles genau. Es geht darum, die Intention der Künstler*innen zu bewahren und das Werk langfristig zu sichern.
Gibt es dabei auch Meinungsverschiedenheiten oder Spannungsfelder?
Ja, absolut. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf Kunst und Ethik. Auch Faktoren wie Zeit und Budget spielen eine Rolle. Am Ende geht es darum, eine fundierte Entscheidung zu treffen, die sowohl dem Werk als auch der ursprünglichen Intention gerecht wird – ohne unnötig einzugreifen.
Welche Projekte hast du bisher realisiert?
Ein grösseres Projekt, von dem ich Teil sein durfte, hat mit meiner Bachelorarbeit über die Erkennung von ägyptischen Pigmenten, den Einfluss von Bindemitteln auf diese Pigmente, die Erkennung derjenigen durch bildgebende Verfahren und multispektrale Kameras zu tun. Die Bachelorarbeit hat mir die Gelegenheit gegeben, in Berlin im Neuen Museum an einer Fotokampagne teilzunehmen. Zudem konnte ich anschliessend Teil eines Forschungsprojekts der HKB in Zusammenarbeit mit der Haut Ecole Art in Neuchâtel sein. Dort habe ich Pigmente und Bindemittel von der Kartonnage der Mumie Ta-sherit-en-Imen analysiert. Ich habe bei diesem Projekt viel über die ägyptische Kultur und ägyptische Pigmente gelernt. Ich finde es toll, wie verschiedene Hochschulen in der Schweiz kooperieren und ihre Studierenden zusammenbringen.
Wie wichtig ist dir der Austausch mit anderen Studierenden und Fachpersonen?
Sehr wichtig. Im Rahmen des Swiss Conservation-Restoration Campus (Swiss CRC; siehe Kasten) treffen sich einmal pro Semester Masterstudierende der vier Hochschulen für eine Woche des Austauschs. Dort entstehen gute Diskussionen und man kann sich ein Netzwerk für die Zukunft aufbauen.
Du hast auch an einem Video zum Jubiläum des Swiss CRC mitgewirkt.
Das Video wurde zum 20-Jahre-Jubiläum des Swiss CRC produziert, in welchem insgesamt acht Studierende mit jeweils einem Projekt zu sehen und hören sein werden, die stellvertretend für ihre Vertiefung stehen. Dabei sollen alle potenziellen Arbeitsprozesse einer Restaurierung gezeigt werden. Ich war verantwortlich für den Arbeitsschritt der Analyse, da ich in Zusammenarbeit mit der HE-Arc eine Untersuchung der Polychromie einer Kartonnage von einer Mumie aus der Dritten Zwischenzeitlichen Periode (1069–656 v. Chr.) durchgeführt habe – einem Objekt aus mehreren Lagen Leinen oder Papyrus, das mit Gips oder Leim überzogen und bemalt wurde.
Wie sieht deine berufliche Zukunft aus?
Ich möchte in den nächsten zehn Jahren möglichst viele internationale Erfahrungen sammeln – in Museen, Ateliers oder Institutionen weltweit. Langfristig träume ich davon, entweder in einem Museum zu arbeiten oder mein eigenes Restaurierungsatelier zu eröffnen. Das war schon mit 14 mein Ziel – und daran hat sich bis heute nichts geändert.