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N°3/2025
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Inklusion als kreative Praxis – CAS Performing Arts and Inclusion

Im CAS Performing Arts and Inclusion gewinnen Künstler*innen, Fachpersonen aus Sozial- und Gesundheitsberufen sowie Performer*innen mit und ohne Behinderung mehr als theoretisches Fachwissen: Sie entdecken neue Arbeitsmethoden für ihre jeweilige Praxis, erproben konkrete Übungen, die sich im beruflichen Alltag einsetzen lassen, erweitern ihr künstlerisches Repertoire und werden ermutigt, eigene Projekte zu entwickeln. Wer mitmacht, lernt Inklusion als Quelle von Inspiration und Gestaltungskraft zu nutzen.

Emanuel Rosenberg, wie bist du als Tänzer und Choreograf dazu gekommen, den CAS Performing Arts and Inclusion zu entwickeln?
Die Weiterbildung hat sich aus dem ZHdK-Forschungsprojekt DisAbility on Stage (2015–­2018) entwickelt, bei dem ich mit Teatro Danzabile als Choreograf und Leiter involviert war: zehn Tage voller Workshops und coolen Performances mit einer super Gruppe! Daniel Bausch, der Weiterbildungsleiter der Accademia Teatro Dimitri, hat das Projekt gesehen
und uns dabei unterstützt, aus dem Forschungsprojekt eine Weiterbildung zu entwickeln. Bis dahin hatte ich keinerlei Erfahrung beim Aufgleisen eines solchen Formats. Es war für mich daher hilfreich, dass ich skizzieren konnte, wie ich mir den CAS inhaltlich vorstelle, und Daniel hat das in eine hochschultaugliche Struktur gegossen. Zentral war für mich von Anfang an, dass das Empowerment nicht nur bei den Studierenden, sondern auch bei den Dozierenden geschieht – dass wir also Performer*innen anstellen, die selbst mit einer Behinderung leben. Dazu habe ich eine Wunschliste mit Namen erstellt und dann das Glück gehabt, mit Claire Cunningham, Michael Turinsky und Giuseppe Comuniello drei hochkarätige Persönlichkeiten ins Boot holen zu können. Die drei sind nicht nur wunderbare Performer*innen und Dozierende, sondern auch Aktivist*innen und waren begeistert von der Idee, an der Accademia zu arbeiten. Insgesamt haben wir für die ersten Durchführungen eine paritätische Vertretung erreicht, darauf bin ich stolz.

Wie(so) kommt nun die HKB mit ins Spiel?
Einerseits haben wir an der Accademia nur wenig Expertise im Bereich Musik, das möchten wir gerne ändern und von der Inklusionserfahrungen der HKB in diesem Bereich profitieren. Zudem hatten wir bereits in den beiden bisherigen Durchführungen Teilnehmende, die aus der sozialen Arbeit kamen und den CAS besucht haben, um diese Prinzipien in ihrer Arbeit anwenden zu können. Dass wir nun auch eine institutionelle Verbindung zum Departement Soziale Arbeit kreieren können, lag daher nahe. Ganz grundsätzlich hat Kunst eine sehr klare politische und gesellschaftliche Aufgabe. Je mehr Allianzen wir bilden und je mehr Arbeitstools wir entwickeln, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Arbeitsweisen auch weiterentwickeln. Daher sind Kooperationen über die Grenzen von Disziplinen und Sprache hinweg so wichtig. Auch Performance ist in diesem Verständnis nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, um inklusiv arbeiten zu können. Es geht darum, anderen zu begegnen – gerade auch dann, wenn diese anders funktionieren, andere Ressourcen zur Verfügung haben.

Wie bringst du die verschiedenen Gruppen – Künstler*innen, Fachpersonen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich sowie Performer*innen mit und ohne Behinderung – und ihre unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut?
Zeitgestaltung und Pausen, also das ganze Arbeitssystem, muss ich jeweils neu entwickeln. Überhaupt muss sich grundsätzlich die Methodik den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Dabei ist Entschleunigung zentral: Ich muss mir innerhalb eines klaren Rahmens Zeit nehmen, um die verschiedenen Ressourcen und Ansprüche kennenzulernen und mit den Teilnehmenden eine gemeinsame Arbeitssprache zu erarbeiten. Diese wiederum benötigen Neugier und die Bereitschaft, ihre Komfortzone zu verlassen, um Neues zu entdecken.

Der CAS wurde bereits zweimal erfolgreich an der Accademia Teatro Dimitri durchgeführt. Gibt es einen besonderen Moment, der dir in Erinnerung geblieben ist?
Da gab es mehrere: Wenn Claire Cunningham mit ihren Übungen aus ihrer Choreography of Care ganz zauberhaft schnell eine Szene entstehen lassen kann, die alle transformiert. Oder wenn Michael Turinsky als Mensch, der mit einer starken Behinderung lebt, seine philosophischen Gedanken formuliert – und plötzlich ist er mit seiner crip choreography ein Löwe. Dadurch, dass die Teilnehmer*innen in langen Blöcken arbeiten, ergibt sich eine intensive Ensemblearbeit. Zum Abschluss des CAS erarbeitet die Gruppe jeweils eine gemeinsame Performance: bei der ersten Durchführung in Form von kleineren szenischen Trailern, bei der zweiten in Form einer Lecture-Performance, die die Arbeitsweise im CAS auf verschiedensten Ebenen erlebbar gemacht hat. Wie das Ensemble diese Verdichtung gestaltet hat, war bewundernswert und hat mich stark beeindruckt.