Warum die Politik als Elefant im Raum steht
Direktor Schule für Gestaltung Bern und Biel und Referent für das Zukunftsinstitut, Frankfurt a.M.
Megatrends verändern unsere Welt stetig, leise, aber unwiderruflich. Künstliche Intelligenz ist dabei weder Freund noch Feind, sondern ein Spiegel unserer selbst. Während Kultur und Wirtschaft die Zukunft erproben, verharrt die Politik im Gestern. Wenn wir nicht lernen, Bildung, Politik und Technologie zusammenzudenken, wird der Elefant im Raum alles niedertrampeln, was wir gestalten wollen.
Megatrends sind wie Lawinen in Zeitlupe. Sie sind grösser als Konjunkturen und stärker als Wahlprogramme. Konnektivität, demografischer Wandel, Globalisierung oder Wissenskultur – sie schreiben die Partitur, nach der die Gesellschaft spielt. Die Megatrend-Map des Zukunftsinstituts macht die zentralen Treiber des gesellschaftlichen Wandels sichtbar, indem sie die Wechselwirkungen und Schnittstellen zwischen den wichtigsten Trends grafisch verknüpft. Dadurch wird deutlich, wie eng Herausforderungen, Chancen und Entwicklungen miteinander verwoben sind. Dies ermöglicht einen umfassenden Überblick und ein besseres Verständnis für komplexe Zusammenhänge.
Künstliche Intelligenz ist kein eigenständiger Trend, sondern die Verbindung bzw. Verstärkung aller anderen. Sie beschleunigt Entwicklungen, vernetzt Systeme und entlarvt Schwächen. KI ist weder Magie noch Monster, sondern ein Spiegel. KI zeigt uns, wie wir mit Wissen umgehen, wie wir gestalten und wie wir Verantwortung übernehmen. Und doch steht er im Raum: der Elefant, die Politik. Sie ist schwerfällig, laut und unvermeidbar. Aber sie ist blind für die tektonischen Verschiebungen. Sie redet über Standortfragen, während der Boden unter den Füssen längst bebt. Sie setzt auf Kontrolle, obwohl Offenheit gefragt wäre. Sie hinkt hinterher, während Wirtschaft, Forschung und Kultur die Zukunft längst erproben.
Das wird besonders in der Bildung sichtbar. Anstatt die Menschen auf die Megatrends vorzubereiten, verharren wir in Systemen des 20. Jahrhunderts. Lehrpläne von gestern für Probleme von morgen. Prüfungen für Wissen, das längst von Maschinen beantwortet wird. Wir reden über «digitale Kompetenzen» und meinen doch nur die Bedienung von Tools. Die Zukunft braucht jedoch Urteilsfähigkeit, Kreativität und Verantwortung. Genau das fehlt.
Und jetzt kommt auch noch sie: die grosse Nervensäge – die künstliche Intelligenz. KI ist wie die nervigste Schülerin der Welt.Sie weiss alles.
Sie meldet sich immer zuerst.Sie braucht nie eine Pause.Sie schreibt fehlerfrei, aber nie originell.Sie kann ein bisschen rechnen, aber nicht träumen. Sie kennt jede Antwort, aber keine Bedeutung. Denn Wissen ist nicht gleich Verstehen. Und genau darin liegt unsere Aufgabe. KI liefert das Was. Wir müssen das Warum liefern.
Zumindest heute stellt die KI noch keine Konkurrenz für uns dar. Sie ist unsere Partnerin. In ein paar Jahren wird niemand mehr fragen: «Arbeitet ihr mit KI?» So, wie heute niemand mehr fragt: «Habt ihr Strom im Klassenzimmer?» Die entscheidende Frage wird dann sein: «Nutzen wir KI, um Bildung effizienter zu machen – oder nutzen wir sie, um Bildung menschlicher zu machen?»
Denn genau darin liegt die Chance: KI übernimmt Routinen wie Korrigieren, Sortieren und Organisieren. Sie kann Aufgaben abfedern, Zeit schaffen und Komplexität strukturieren. Aber sie darf uns nicht entmündigen. Denn Bildung ist mehr als Informationsmanagement. Bildung bedeutet Beziehung, Begegnung und Reibung. Das Unprogrammierbare wird somit zum neuen Bildungsziel: Empathie, Neugier, Kreativität und Sinn. All das ist es, was kein Algorithmus kann – und worauf es in einer von KI durchdrungenen Welt erst recht ankommt. Wenn Maschinen rechnen, müssen Menschen fühlen. Wenn Systeme entscheiden, müssen Menschen deuten. Wenn KI produziert, müssen wir fragen: Warum?
Wenn wir das begreifen, wird KI nicht zur Gegnerin, sondern zum Katalysator. Sie zwingt uns, die Frage nach dem Menschlichen neu zu stellen – nicht als nostalgischen Rückblick, sondern als Zukunftsprojekt. Doch dafür braucht es Mut. Mut zur Veränderung. Mut zur Lücke. Mut zur Reflexion. Mut, Bildung als Gestaltungsraum zu sehen und nicht als Reparaturbetrieb. Und es braucht Mut, Politik neu zu denken: nicht als Verwalterin des Bestehenden, sondern als Ermöglicherin des Kommenden.
Megatrends lassen sich nicht verhandeln. Aber wir können lernen, mit ihnen zu spielen. Wer jetzt nicht handelt, wird später nur noch reagieren. Und wer den Elefanten nicht in Bewegung bringt, wird irgendwann unter ihm liegen.